Sucht auch durch/in glücklichen Zeiten?

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scrabble
Bronze-User
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Anmeldungsdatum: 30.03.2014
Beiträge: 66

BeitragVerfasst am: 24. Mai 2020 16:54    Titel: Sucht auch durch/in glücklichen Zeiten? Antworten mit Zitat

Hallo liebe Alle,

ich habe das letzte Jahr in einem Tagestreff für Wohnungslose gearbeitet und habe dort immer wieder verschiedenste Geschichten und Erfahrungen zur Entstehung von Abhängigkeiten von Betroffenen gehört.
Dabei überraschte mich total, dass es gar nicht so selten ist, dass die Menschen in guten Phasen ihres Lebens in eine Abhängigkeit rutschen, naiv, wie ich war, dachte ich mir immer, das dies eigentlich meistens in schlimmen Phasen geschieht, wo die Menschen belastet sind, sie das Suchtmittel nutzen, um etwas zu kompensieren, es ihnen etwas gibt, was sie sonst nirgends finden, es auch eine Art der Bewältigung ist, mit Belastungen umzugehen.
Nun hörte ich öfter den Satz, dass die Zeit, in der die Sucht entstand, die beste ihres Lebens gewesen sei, man war jung, hatte Spaß, alles war noch einfach. Erst durch diesen übermäßigen "Spaßkonsum" wurde dann allmählich eine Abhängigkeit daraus, wo die Betroffenen nicht mehr herausgefunden haben. Im Nachhinein kamen dann erst die Probleme, von denen ich annahm, sie wären eigentlich auch Teil der Ursache, Einsamkeit, Perspektivlosigkeit, schlechtes Umfeld.

Was denkt ihr darüber, ist das realistisch oder machen die Betroffenen sich selbst etwas vor, wenn sie meinen, sie Abhängigkeit wäre quasi zufällig bzw als logische Konsequenz aus dem Konsum entstanden aber nicht aus persönlichen Problemen/Belastungen heraus?

Liebste Grüße
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Nehell
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Anmeldungsdatum: 14.06.2013
Beiträge: 652

BeitragVerfasst am: 24. Mai 2020 20:06    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Scrabble,

ich denke wenn man als Mensch ein gute Zeit hat, dann entsteht ein
Hochgefühl von dem einige meinen es werde mehr oder weniger immer
so bleiben.
Wenn dann das Pendel wieder zur anderen Seite geht, ist man häufig
enttäuscht und möchte das gute Gefühl wieder aufleben lassen
und greift zu Drogen oder trinkt Alkohol.
Die Massenmedien und das Internet tragen auch ihren Teil
dazu bei die falsche Vorstellung zu verkaufen, das Glück frei
kaufbar ist, wenn man nur Geld hat.

LG

Nehell
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Jolina40
Gold-User
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Anmeldungsdatum: 28.12.2015
Beiträge: 702

BeitragVerfasst am: 25. Mai 2020 17:02    Titel: Antworten mit Zitat

Ich kenne auch einige die aus Neugierde angefangen haben zu konsumieren und dadurch süchtig wurden. Es ist ja unsinnig zu glauben du Menschen die Probleme hatten oder psychisch erkrankte sind würden zu Drogen greifen.
Die Frage ist nur warum einer süchtig wird und der andere eben nicht
Viele sind natürlich psychisch vorerkrankt, haben Probleme usw. Doch es gibt wie gesagt auf jeden Fall auch genug Menschen die aus Neugierde anfingen, Gruppenzwang oder um dazu zu gehören.
Da kommt oft einiges zusammen und ist oft ziemlich Komplex.
Man könnte sich ja da auch fragen warum man Kontakt zu Leuten halt die konsumieren, ob man nicht schon da sich mit gesundem Menschenverstand distanzieren müsste .
Oder zumindest nicht auch was zu konsumieren...
Aber viele sind zu dem Zeitpunkt einfach nicht reif genug um zu sehen was das alles für Folgen hat und es gibt viele die Drogen ausprobieren, nicht aus bestimmten Gründen .
Aber ob es brim ausprobieren bleibt oder zu ner Sucht wird, da liegt ja der Punkt.

Viele Probleme kommen ja erst durch den Konsum ...

Komplexes Thema, aber um deine Frage zu beantworten : Ich glaube auch das der Typ Recht hat mit seiner Aussage.

Gruß, Jolina
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Marle
Platin-User
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Anmeldungsdatum: 06.10.2016
Beiträge: 1800

BeitragVerfasst am: 25. Mai 2020 20:17    Titel: Antworten mit Zitat

Ich glaube nicht, dass man das Hineinschlittern in eine Sucht generell an positiven oder negativen Zeiten festmachen kann.
Ich kenne zumindest niemanden, und das sind aufgrund meines Engagements in der Suchtselbsthilfe recht viele, der mit dem Konsum eines Suchtstoffes angefangen hat, und wusste, dass er binnen kurzem drauf sein wird.
Die Situationen eines Erstkonsums sind doch sehr weit gespreizt. Einer konsumiert den xx-Suchtstoff, weil er ihn entspannt, ein anderer, weil er mit auf Touren kommt. Und der nächste will sich einfach nur damit für eine Zeit „wegbeamen“, weil ihn sein Leben gerade belastet.
Warum werden so viele süchtig, die alles erreicht haben, alles haben, und rundherum glücklich scheinen?
Und, zum Beispiel beim Alkohol sind viele in die Sucht hineingeschlittert, weil man damit so nett mit Kumpels abhängen konnte, und er zudem völlig legal ist.

Ich sage immer: Wenn sich 10 Leute aus allen Gesellschaftsschichten und völlig unterschiedlichen Berufssparten, von ganz weit „oben“ bis ganz weit „unten“, an einen Tisch setzen und zu trinken anfangen, dann wird niemand im Voraus wissen, wer von den zehn am Stoff hängenbleibt. Aber eines ist fast sicher: Es werden ca. 3 noch sitzen bleiben und weitertrinken, wenn alle anderen gegangen sind und genug haben. Doch wer diese 3 sein werden, weiß im Voraus kein Mensch.
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Dr.Mabuse
Foren-Guru
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Anmeldungsdatum: 19.02.2015
Beiträge: 3530

BeitragVerfasst am: 25. Mai 2020 20:56    Titel: Antworten mit Zitat

Ich denke Menschen die sehr sensibel sind in ihrer Gefühlswelt und allem,sich viel zu Herzen nehmen,micht "NEIN" sagen können...sind besonders gefahrtet...

So denke ich...wissen tu ich das auch nicht...

Aber es scheint so das Menschen die "Rabiat" und mit "Ellbogen" durchs Leben gehen besser zu recht kommen...

Na ja ...kurzer Auszug meiner Gedanken...muss was essen und dann ins bett

lieben gruß an alle...
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mikel015
Foren-Guru
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Anmeldungsdatum: 27.03.2015
Beiträge: 3881

BeitragVerfasst am: 26. Mai 2020 14:49    Titel: Antworten mit Zitat

@scrabble,

würde es solchen Menschen tatsächlich an nichts fehlen und alles wäre easy, so würden sie doch wohl kaum diesen Schritt gehen (Drugs)
Was ich damit sagen will ist das wenn sich jemand eben auch ganz bewusst für Drogen entscheidet dann glaube ich schon das vorher bereits eine Not bestand, sei es ein Mangel den er dadurch zu kompensieren versucht oder etwas anderes ...
Zur Sucht gehört mehr als nur der Konsum einer Substanz.Ich habe Leute kennengelert die Substanzen mit einem hohen Suchtpotenzial nur gelegentlich konsumierten und nie zu Junkies wurden.Aber ich lernte auch genug andere kennen,so ist das nicht... Cool

Es kann aber auch sein das ein Mensch mit keiner Vorgeschichte ganz schnell zu eimem Suchti wird, gerade bei Drogen oder Alk, wenn er zu falschen Zeit, am falschen Ort und mit dem falschen Leuten zusammen ist.
(Langeweile, Neugierde und Gruppenzwang)
Die Umstände für eine Sucht sind verschieden und man darf da nichts pauschalisieren. Weder sind alle schwach noch sind alle Opfer der Umstände.




P.S.
Ich denke fast allen Menschen fehlt irgend etwas... das buddhistische Prinzip vom einfachen Bauern der zufrieden ist mit dem was er hat, fruchtet in der westlichen Gesellschaft bei den meisten nicht mehr. Wink
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Marle
Platin-User
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Anmeldungsdatum: 06.10.2016
Beiträge: 1800

BeitragVerfasst am: 26. Mai 2020 17:29    Titel: Antworten mit Zitat

@Mabuse
Die Legende von Süchtigen, die süchtig sind/wurden, weil sie so sensibel sind, hält sich sehr hartnäckig.
Verständlich, weil es irgendwie netter klingt, wenn man sagt „weil ich so sensibel bin, hänge ich an …“, wie wenn einer sagt „weil ich so ein unsensibles Arschloch bin, hänge ich an ..“

Gefördert wird das dann noch von vielen Therapeuten. Ich finde es schade, weil bei der Suche nach dem Warum, viel Zeit mit Dingen verloren geht, die letztlich hintenraus (die Sucht zum Stillstand zu bringen, mit dem was ist) nichts bringt.
Aber bitte: Das ist halt meine Meinung dazu!

@Mikel
Zitat:
würde es solchen Menschen tatsächlich an nichts fehlen und alles wäre easy, so würden sie doch wohl kaum diesen Schritt gehen (Drugs)

Also ich glaube, dass man schon differenzieren muss zwischen „Drogen bewusst nehmen“, und „von Drogen bewusst abhängig werden“.
Bewusst nehmen, zumindest laut Statistik, fast alle Menschen rund um den Globus „Drogen“ in der einen oder anderen Form. Egal ob das jetzt „Essen für ein besseres Feeling“, oder „Trinken …“ oder „koksen, rauchen, spritzen …usw.“ ist.
Und der Weg soweit zu kommen, wie z. B. Mohandes, der „bewusst konsumiert“ und damit klarkommt, oder klarzukommen scheint, ist ja ein ganz, ganz langer.

Die Ausgangsfrage von Scrabbel war ja aber:
Zitat:
„Dabei überraschte mich total, dass es gar nicht so selten ist, dass die Menschen in guten Phasen ihres Lebens in eine Abhängigkeit rutschen, naiv, wie ich war, dachte ich mir immer, das dies eigentlich meistens in schlimmen Phasen geschieht, wo die Menschen belastet sind, sie das Suchtmittel nutzen, um etwas zu kompensieren, es ihnen etwas gibt, was sie sonst nirgends finden, es auch eine Art der Bewältigung ist, mit Belastungen umzugehen.

Nun hörte ich öfter den Satz, dass die Zeit, in der die Sucht entstand, die beste ihres Lebens gewesen sei, man war jung, hatte Spaß, alles war noch einfach. Erst durch diesen übermäßigen "Spaßkonsum" wurde dann allmählich eine Abhängigkeit daraus, wo die Betroffenen nicht mehr herausgefunden haben. Im Nachhinein kamen dann erst die Probleme, von denen ich annahm, sie wären eigentlich auch Teil der Ursache, Einsamkeit, Perspektivlosigkeit, schlechtes Umfeld.“


Es sind doch zwei grundlegend verschiedene Betrachtungen: Einmal Menschen, die in guten Phasen (Spaß- Relax-Konsum) konsumieren, und dann abhängig wurden.
Und zum anderen Menschen, - wie Scrabbel angenommen hatte – die in extremen Belastungssituationen zu einer Kompensation greifen.

Ich denke aber, beide Arten, wie sie dann in einen Abhängigkeit rutschen, sind nicht „bewusste Entscheidungen“ pro Suchtmittelabhängigkeit. Die resultiert nur daraus, wenn der Konsum entgleitet. Und wenn er das tut, dann entstehen tatsächlich richtige (andere) Probleme – wegen des Konsums und der manifestierten Abhängigkeit.
Zitat:
„Zur Sucht gehört mehr als nur der Konsum einer Substanz.Ich habe Leute kennengelert die Substanzen mit einem hohen Suchtpotenzial nur gelegentlich konsumierten und nie zu Junkies wurden.Aber ich lernte auch genug andere kennen,so ist das nicht... Cool“

Auch das kann man m. E. nicht verallgemeinern. Ich kennen nämlich auch Betroffene, die in einem (für mich) unglaublichen „Low-Level“ Konsum absolut abhängig geworden sind. Abgesehen davon, dass ich selbst zum Beispiel Phasen hatte, in denen ich gut und gerne bis zu einem halben Jahr oder länger überhaupt nichts konsumierte. Aber wenn, dann …

Zitat:
„Es kann aber auch sein das ein Mensch mit keiner Vorgeschichte ganz schnell zu eimem Suchti wird, gerade bei Drogen oder Alk, wenn er zu falschen Zeit, am falschen Ort und mit dem falschen Leuten zusammen ist.“


Absolut! Und gerade solche Betroffene haben es meiner bescheidenen Erfahrung nach extrem schwer, die Sucht zum Stillstand bringen zu können. Gibt da so einen Spruch, den ich nie vergesse: „Wenn ich wüsste, warum ich süchtig bin und konsumiert habe, dann könnte ich die Sucht zum Stillstand bringen. Aber solange ich das nicht weiß, konsumiere ich halt weiter …“
Zitat:
„Ich denke fast allen Menschen fehlt irgend etwas... das buddhistische Prinzip vom einfachen Bauern der zufrieden ist mit dem was er hat, fruchtet in der westlichen Gesellschaft bei den meisten nicht mehr. Wink“

Vielleicht, so denke ich, liegt es gar nicht daran, „dass irgendetwas fehlt“, sondern daran, „dass man meint, es würde etwas fehlen“?
Meist hört man ja eher „wenn ich jetzt noch dies oder jenes hätte, dann wäre ich glücklich“, statt „wenn ich dies oder jenes nicht hätte, könnte ich dann trotzdem glücklich sein?“.

boa noite Allen!
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Dr.Mabuse
Foren-Guru
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Anmeldungsdatum: 19.02.2015
Beiträge: 3530

BeitragVerfasst am: 26. Mai 2020 19:19    Titel: Antworten mit Zitat

Marle hat geschrieben:

Zitat:
@Mabuse
Die Legende von Süchtigen, die süchtig sind/wurden, weil sie so sensibel sind, hält sich sehr hartnäckig.
Verständlich, weil es irgendwie netter klingt, wenn man sagt „weil ich so sensibel bin, hänge ich an …“, wie wenn einer sagt „weil ich so ein unsensibles Arschloch bin, hänge ich an ..“


Ich bleib bei meiner Aussage...ich denke du Marle warst aucht nicht mit einem Guten Selbstbewusstsein ausgestattet...sonst wärst du in die sucht nicht so reingeschlittert...ich weis das ich recht hab...brauchen wir nicht diskutieren...

Lieben Gruß aus Hessen...
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Marle
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Anmeldungsdatum: 06.10.2016
Beiträge: 1800

BeitragVerfasst am: 26. Mai 2020 19:58    Titel: Antworten mit Zitat

Dr.Mabuse hat Folgendes geschrieben:
Ich bleib bei meiner Aussage...ich denke du Marle warst aucht nicht mit einem Guten Selbstbewusstsein ausgestattet...sonst wärst du in die sucht nicht so reingeschlittert...ich weis das ich recht hab...brauchen wir nicht diskutieren...

Lieben Gruß aus Hessen...


Laughing Nein, ich will mit Dir nicht darüber diskutieren.
Nur soviel: Selbstbewusstsein und Sensibilität sind zwei ganz verschiedene Eigenschaften, die nicht kompatibel sein müssen. Wink

saudações Marle
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Mohandes59
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Anmeldungsdatum: 05.12.2014
Beiträge: 1794

BeitragVerfasst am: 27. Mai 2020 10:04    Titel: Antworten mit Zitat

Marle hat Folgendes geschrieben:
Und der Weg soweit zu kommen, wie z. B. Mohandes, der „bewusst konsumiert“ und damit klarkommt, oder klarzukommen scheint, ist ja ein ganz, ganz langer.

Naja Marle, wo Du mich hier ansprichst, Betonung auf 'scheint'. Ich leide schon unter meiner Sucht! Oder, anders gesagt, ich wäre lieber nicht süchtig.

Ich mache mir wenig Illusionen. Seit 30 Jahren bin ich opiatabhängig, alleine die rein körperliche Sucht will befriedigt werden, sonst Entzugserscheinungen die ich keinem wünsche. Vom Seelischen Dingen mal abgesehen. Zumindest bin inzwischen auf einem relativ kleinen, konstantem Level Opium (von gelegentlichen Exzessen abgesehen).

Ja, der Weg war lang. Und oft steinig. Und in dieser Zeit habe ich gelernt z.B. Cannabis sehr wenig zu konsumieren (oft wochenlang nichts), Alkohol ebenfalls (ab und an ein Bier) schon alleine weil es mir besser damit geht (speziell beim Alc). Oder bestimmte Drogen wie Koks komplett zu meiden weil ich damit nicht umgehen kann.

Zitat:
... Ich finde es schade, weil bei der Suche nach dem Warum, viel Zeit mit Dingen verloren geht, die letztlich hintenraus (die Sucht zum Stillstand zu bringen, mit dem was ist) nichts bringt.

DAS ist ein interessanter Punkt! Jahrelang habe ich versucht die Ursache meiner Sucht zu finden: nada! Irgendwann habe ich beschlossen das zu lassen (weil ich keine Ursache finden konnte - und wäre die Entdeckung der Ursache überhaupt die Lösung?) und stattdessen nach vorne zu schauen! Die Sucht und meine Dämonen zu akzeptieren, den sinnlosen, kräftezehrenden Kampf gegen Windmühlen aufzugeben. Seitdem ist das Leben deutlich entspannter für mich. Das Leben ist so vielfältig und interessant, Sucht und Drogen sind nur ein (kleiner) Teil. Die Option irgendwann doch komplett clean zu leben ist immer im Hinterkopf.

Generell denke ich daß die Menschen so verschieden sind, daß es unmöglich ist EINE Ursache zu finden.

LG in die Runde, Mohandes مهنرس
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ast
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Anmeldungsdatum: 14.03.2012
Beiträge: 2401

BeitragVerfasst am: 27. Mai 2020 10:15    Titel: Antworten mit Zitat

Mohandes59 hat Folgendes geschrieben:
Sucht und Drogen sind nur ein (kleiner) Teil

na ja, wenn die Drogen nicht mehr zur Verfügung stehen, werden sie schon zu einem großen Teil Wink
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dakini
Platin-User
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Anmeldungsdatum: 07.04.2015
Beiträge: 2938

BeitragVerfasst am: 27. Mai 2020 10:49    Titel: Antworten mit Zitat

Guten Morgen,

man liest IMMER heraus, wer eine Therapie gemacht hat und wer nicht. Im Umfeld sind ja fast alle therapiert, erst auf Internet Seiten las ich, wie viele sich dagegen sperren - Gründe gibt es immer. (zunehmendes Alter ist oft ein Wendepunkt auch ohne Therapie im Lebenslauf)

Man hat schon damals gesagt, es braucht 2-3 Therapien, bis die Leute mit ihren Anlagen umgehen können. Das impliziert, wie kompliziert sich manches gestaltet. Die Betonung liegt doch auf "mit sich und seinen Gefühlen umgehen können"

Bei Opiatabhängigen ließen sich immer massiv zu nennende Gründe finden, ich verweise auch darauf, dass Diagnosen (Komorbiditäten) zudem oft unzureichend gestellt werden. Es dauert oft Jahre, bis bspweise eine AD(H)S Diagnose gestellt wird, die oft Sucht nach sich zieht. Von Borderline oder Anteilen, ganz zu schweigen, gibt zahlreiches, das sich mischt...Traumata, ein weiterer Punkt.

Ich saß ja in zahlreichen stationären Gruppen und kenne den Unterschied. Es ist also gar nicht zu sagen, welch Problematik im Hintergrund steht, ohne Therapie. (ein paar Std ambulant ersetzen das nicht - da müsste rund 1,5 Jahre therapiert werden. Tiefenpsychologie vor allem, anschießend Verhaltensthera ist oft sinnvoll...

Gesundes Selbstbewusstsein, ist ein GrundBaustein. Wichtiger daneben, ist die Fähigkeit zur Reflektion, die meisten können ja noch nicht mal mit Kritik umgehen. Da sehe ich auch Unterschiede - es ist ja wie ne "Übung" in Gruppen konstruktive Kritikäußerungen zu "erlernen", wie auch die Annahme.

Hier rotzt ja so mancher gleich ab, wenn man mal was schreibt, was seinem Selbstwertgefühl einen scheinbaren Tritt versetzt. Das ist meine Warnehmung, neben der Erfahrung, wie schön es ist, mit Menschen zu kommunizieren, die mit Kritik umgehen können.

Wer das nicht kann, wird schon im Vorfeld dicht machen und nicht aufnahmefähig sein. (besonder hier im Forum, vs E&R könnte man dazu ein ganzes Buch zusammentragen, auf zahlreichen Seiten zu lesen) Das hat im Übrigen nicht unbedingt etwas mit dem Cleanstatus zu tun. Auch cleane Leute, können das niemals gelernt haben...

Aber eine Therapie erleichtert das ganz entschieden (mit Gruppen), einfach durch die "Übung". Daneben ist die Aufarbeitung der Kindheit ein Baustein - die meisten, finden was - nicht alle. Mancher wurde ja auch süchtig, weil es sich allein durch seine Umwelt anbot - aber auch hier: nicht jeder junge Mensch sucht die Nähe zu "Abgerutschten" - ich halte es schon da für "gesund", wenn junge Menschen "nach oben greifen", anstatt nach "unten" - da steht wohl ganz entschieden der Selbstwert im Zentrum.

Gäbe noch viel zu sagen, ich muss los...Wink
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Marle
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Anmeldungsdatum: 06.10.2016
Beiträge: 1800

BeitragVerfasst am: 27. Mai 2020 14:01    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Dakini,

ein paar schnelle Anmerkungen zu Deinem Beitrag.

dakini hat Folgendes geschrieben:
Guten Morgen,

man liest IMMER heraus, wer eine Therapie gemacht hat und wer nicht. Im Umfeld sind ja fast alle therapiert, erst auf Internet Seiten las ich, wie viele sich dagegen sperren - Gründe gibt es immer. (zunehmendes Alter ist oft ein Wendepunkt auch ohne Therapie im Lebenslauf)

Sehr schwieriges Thema. Stichwort "Selbstremission".
Die grundsätzliche Frage (bei einem möglich Ausstieg aus der Sucht) ist doch: Was sind "einigermaßen" verlässliche Ausstiegsmethoden.
Ich würde da nicht unbedingt auf Selbstremission bauen.


dakini hat Folgendes geschrieben:
Bei Opiatabhängigen ließen sich immer massiv zu nennende Gründe finden, ich verweise auch darauf, dass Diagnosen (Komorbiditäten) zudem oft unzureichend gestellt werden. Es dauert oft Jahre, bis bspweise eine AD(H)S Diagnose gestellt wird, die oft Sucht nach sich zieht. Von Borderline oder Anteilen, ganz zu schweigen, gibt zahlreiches, das sich mischt...Traumata, ein weiterer Punkt.

Ich weiß, dass Du immer wieder (gerne) die Opiatabhängigkeit als etwas Andersartigeres, wie alle anderen Süchte herauszustellen versuchst. Kann man machen, muss man nicht.
Ich komme von der "anderen Seite her", und weiß sicher, dass auch alle anderen Süchtigen erheblichen "Vorbelastungen" mit sich bringen.
Komorbiditäten: Also eigentlich sind das ja Begleiterkrankungen, die im Zusammenhang mit der Sucht entstehen.
Du legst Krankheitsbilder (ADHS u.a.) als Komorbiditäten aus, die schon immer da waren. Oft schon sehr lange vor der Sucht.

Zitat:
Ich saß ja in zahlreichen stationären Gruppen und kenne den Unterschied. Es ist also gar nicht zu sagen, welch Problematik im Hintergrund steht, ohne Therapie. (ein paar Std ambulant ersetzen das nicht - da müsste rund 1,5 Jahre therapiert werden. Tiefenpsychologie vor allem, anschießend Verhaltensthera ist oft sinnvoll.

Dem stimme ich in Teilen zu (Therapiedauer) und in Teilen gar nicht.
"Verhaltenstherapie", ja.
"Tiefenpsychologie" oder gar "Psychotherapie", nein.
Schon gar nicht "oft sinnvoll".
Eher umgekehrt: Selten notwendig.

Zitat:
Aber eine Therapie erleichtert das ganz entschieden (mit Gruppen), einfach durch die "Übung". Daneben ist die Aufarbeitung der Kindheit ein Baustein - die meisten, finden was - nicht alle.

Ja, wer sucht, der findet (auch), nach was er sucht und finden will Wink
Auch wenn das (Süchtige besonders) niemand glauben will: Es gibt mindestens so viel Nichtsüchtige, die eine problematische Kindheit und Herkunft haben, wie Süchtige, bei denen es so ist. (Gottseidank sogar viel mehr Nichtsüchtige!)

In dem Zusammenhang ist es m. E. zwar sinnvoll darüber zu reden, was, wie, warum ausgelöst hat, und welche "implantierte Reaktionen" auf bestimmte Situationen vorhanden sind, aber ich bezweifle, ob es notwendig ist, jeden Stein der Vergangenheit umkehren zu müssen, um im Heute und Jetzt sein Verhalten verändern zu könne.

Grüßle
Marle
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Marle
Platin-User
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Anmeldungsdatum: 06.10.2016
Beiträge: 1800

BeitragVerfasst am: 27. Mai 2020 14:08    Titel: Antworten mit Zitat

Mohandes59 hat Folgendes geschrieben:

Naja Marle, wo Du mich hier ansprichst, Betonung auf 'scheint'. Ich leide schon unter meiner Sucht! Oder, anders gesagt, ich wäre lieber nicht süchtig.

Also was ich schrieb, war nicht negativ gemeint!
Und dieses "scheint" steht da im Zusammenhang, dass wir alle (egal ob mit oder ohne Konsum) hinten raus erst beim letzten Atemzug wissen, wo wir rauskommen.
Jedenfalls hast Du es offenbar "moderat" im Griff.
Das sind im Übrigen auch die "modernen Ansätze", die heute in der Therapie (mit) verfolgt werden: Im Wissen, dass es leider die meisten Betroffenen nie schaffen, sich ganz von der Sucht zu lösen, will man es ihnen ermöglichen, mit einem "moderaten Konsum" ein qualitativ möglichst hochwertiges Leben führen zu können.

Zitat:
DAS ist ein interessanter Punkt! Jahrelang habe ich versucht die Ursache meiner Sucht zu finden: nada! Irgendwann habe ich beschlossen das zu lassen (weil ich keine Ursache finden konnte - und wäre die Entdeckung der Ursache überhaupt die Lösung?) und stattdessen nach vorne zu schauen! Die Sucht und meine Dämonen zu akzeptieren, den sinnlosen, kräftezehrenden Kampf gegen Windmühlen aufzugeben. Seitdem ist das Leben deutlich entspannter für mich. Das Leben ist so vielfältig und interessant, Sucht und Drogen sind nur ein (kleiner) Teil. Die Option irgendwann doch komplett clean zu leben ist immer im Hinterkopf.

Ich denke, der entscheidende Punkt ist: "...sind nur ein kleiner Teil".
Wenn das Betroffene fertigbringen, dass die Sucht ihr Leben nicht mehr diktiert, sondern "nebenbei" ohne gravierende Einschnitte erfolgt, dann ... sind sie fast schon wieder "auf normalem Weg".
(Aber ich weiß auch, dass die Erfolgreichen auf diesem Weg noch viel, viel weniger sind, wie die, die es zu "clean" schaffen!)

Grüßle
Marle
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Mohandes59
Platin-User
Platin-User


Anmeldungsdatum: 05.12.2014
Beiträge: 1794

BeitragVerfasst am: 27. Mai 2020 15:29    Titel: Antworten mit Zitat

Ich versuche mal den Bogen zu spannen zwischen Dakini (Therapie) und Marle (Selbstremission). (Habe ich übrigens auch nicht als negativ aufgefasst, Marle).

Therapie. Meine Meinung zu dazu ist bekannt: never ever for Mohandes! Das gilt NUR FÜR MICH, es gibt zahllose Wege und jeder muß seinen speziellen Weg finden. Meine Einstellung hängt bestimmt auch mit meinen mißglückten, oder für mich einfach nicht geeigneten, Therapien zusammen. Die Krönung war der Klosterhof wo ich mich vor 7 Jahren wiederfand, weit weg von zu Hause und immer noch schwer angeschlagen nach einer Entgiftung vom Metha (diese Entgiftung hat mich im Nachhinein völlig demontiert - erst jetzt finde ich langsam die Sicherheit im Leben zurück).

Klosterhof. Die völlige Null-Linie, dieses niemals-nie-wieder. Schon damit hatte ich Probleme. Andererseits wurde permanent nur über Drogen gesprochen, in den Gruppen aber auch in privaten Gesprächen. Gesund kam ich an, krank kam ich heraus. Ich hatte Metha und andere Opiate >10 Jahre am Stück genommen und war nicht darauf vorbereitet was darauf folgte. Leider wurde das in keinem Therapiegespräch angesprochen, ich war nicht ich-selbst, seelisch nicht und physisch fühlte ich mich im fremden Körper. So kann eine Therapie nur scheitern.

Ich möchte den Klosterhof auch nicht schlecht machen, Klosterhof anno 2013 ist bestimmt ganz anders als 2003 oder 2020. Es gab auch ein paar wirklich gute Therapeuten und Therapeutinnen. Aber auch weniger gute. Das Gesamtkonzept (2013) stelle ich aber nach wie vor in Frage: die Methode 'erst demontieren wir dich komplett, dann bauen wir dich wieder neu auf' mag für einen 15-Jährigen erfolgversprechend sein, bei einem 50-Jährigen funktioniert es nicht.

Nach dem Klosterhof folgten diverse Psychatrieaufenthalte, Tagesklinik, Gesprächs- & Selbsthilfegruppen. Und klar! Aus allem habe ich gelernt. Manchmal nur ein einziger Satz der auf fruchtbaren Boden fiel und bis heute nachhallt. Oft geht die Saat erst nach Jahren auf.

Selbstremission, bedeutet 'das vorübergehende oder dauerhafte Nachlassen von Krankheitssymptomen körperlicher bzw. psychischer Natur, jedoch ohne Erreichen der Genesung.' Besser vielleicht der Ausdruck Selbstheilung (incl. Genesung?). Ist möglich! Jede, auch die beste, Therapie ist ja Hilfe zur Selbsthilfe. Der Therapeut zeigt dir wie das Laufen funktioniert, laufen mußt du dann irgendwann selber.

Das setzt eigene (Lebens-) Erfahrung voraus. Wie gesagt, der Weg ist steinig und voller Dornen. Oft falsch abgebogen, verlaufen, in die Irre gegangen bis man wieder den Weg findet. Aber man lernt, viele Fehler macht man immer wieder bis man lernt sie zu vermeiden. Das gesunde Körperbewußtsein wächst, gerade wer seinem Körper viel geschadet hat achtet eher darauf sich Gutes zu tun. Das ist ein Prozess der nie aufhört im Idealfall.

LG an alle, Mohandes مهندس
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