„Helden“ - Geschichten am Rande der Sucht

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Marle
Platin-User
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Anmeldungsdatum: 06.10.2016
Beiträge: 1392

BeitragVerfasst am: 4. Nov 2016 20:22    Titel: „Helden“ - Geschichten am Rande der Sucht Antworten mit Zitat

War Ende der 90er. Entgiftungsstation, aber offen.
Abends wurde, eskortiert von 2 not amused Polizisten und in Handschellen, auf einer Bahre liegend W. eingeliefert. Irgendetwas um die 4‰.
Als sie ihn in sein Bett umbetteten, kam er kurz zu sich und fing an zu randalieren.
Da wurde er fixiert.

Die Tür zum Zimmer, schräg gegenüber dem Pflegedienstzimmer, blieb offen, damit der Nachdienst einen Blick auf ihn hatte.
Irgendwann in der Nacht kam W. allmählich zu sich und sah, in welcher Lage er war.
Als Oberst der Reserve der Fallschirmjäger, worauf er stolz war, und jetziger Sportlehrer, für verhaltensauffällige Schüler, was ihn seiner Meinung nach vollends kaputtgemacht hatte, war er ein fast unverwüstliches Unikat.
Wie er es geschafft hat, war hinterher für allen rätselhaft.

Er „entfesselte“ sich, mit Blick auf das Dienstzimmer, wie er mir später erzählte, und immer abwartend, bis die Nachtwache ein Nickerchen hielt.
Unter der Bettdecke zog er sich an.
Dann glitt er aus dem Bett, robbte in Fallschirmjägermanier durch den Flur, unter der Sichtscheibe und dem schlafenden Nachdienst hindurch zum Ausgang – und ging stiften.
Zwei Tage später wurde er wieder gebracht.

Diesmal fixierten sie ihn nicht nur, sondern schlossen auch die Zimmertür ab.
In den nachfolgenden Tagen, nachdem er nach und nach nüchtern wurde, lernte ich ihn kennen – und schätzen.
Eben ein Unikat.
Der Stationsarzt wollte ihn nicht gehen lassen.
„7 Tage“, sagte er zu ihm.
W. sagte zu mir: „Das schaffe ich nicht.“

Zur Station gehörte eine Freiterrasse. Vielleicht so 2,50 über der dahinterliegenden Wiese.
Auf dieser Terrasse standen oder saßen wir immer zum Rauchen.
Am 5. Tag standen wir auf dieser Terrasse, als er plötzlich entschlossen seine Zigarette ausdrücke, mir in die Augen blickte und sagte: „Wir sehen uns …“
Dann stand er auf, holte kurz Anlauf, sprang mit einem Hechtsprung über die Brüstung, rollte sich wahnsinnig gekonnt auf der Wiese auf und rannte auf den gut 2 Meter hohen Zaun zu.
Ich dachte noch: Das schafft der nie.
Schon war er drüber. Drehte sich noch kurz um, winkte mir, und verschwand.

Drei Jahre später sahen wir uns wieder. Es sollte nicht das letzte Mal gewesen sein …
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sickgirl
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Anmeldungsdatum: 28.01.2015
Beiträge: 386

BeitragVerfasst am: 4. Nov 2016 21:42    Titel: Antworten mit Zitat

True?
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sickgirl
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Anmeldungsdatum: 28.01.2015
Beiträge: 386

BeitragVerfasst am: 4. Nov 2016 21:44    Titel: Antworten mit Zitat

Falls nicht: gut geschrieben.
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Oxynaut
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Anmeldungsdatum: 31.01.2012
Beiträge: 725

BeitragVerfasst am: 4. Nov 2016 22:57    Titel: Antworten mit Zitat

Respekt für den Schreibstil, das Buch würd ich gern weiterlesen Wink
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Haschgetüm
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Anmeldungsdatum: 26.03.2015
Beiträge: 2394

BeitragVerfasst am: 5. Nov 2016 06:21    Titel: Antworten mit Zitat

Ich will auch weiter lesen... sehr gut! Wink

Wie ging´s weiter?
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Marle
Platin-User
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Anmeldungsdatum: 06.10.2016
Beiträge: 1392

BeitragVerfasst am: 5. Nov 2016 12:28    Titel: Antworten mit Zitat

Drei Jahre später sahen wir uns wieder.

W. war wegen Alk und Benzos da.
Er schien ruhiger geworden zu sein.
„Ich merk’s langsam. Der Scheiß bringt mich noch um“, sagte er.

Da es diesmal Winter, und draußen lausig kalt war, gingen wir immer ins Raucherzimmer.
Auf persönliches Betreiben des Chefarztes waren sämtlich, einst vorhandene Möbelchen, wie abgenudelte Couch und Stühle, entfernt worden. Jetzt war es nur ein kalter, stinkender Raum.
Er wolle die Raucher damit motivieren aufzuhören. Wie ich die Idee fände, fragt er ausgerechnet mich, einen damals exessiven Raucher.
Als ich ihm sagte, dass sich ein Raucher eher eine Lungenentzündung holen würde, als wegen so etwas damit aufzuhören, wirkte er irgendwie enttäuscht und irritiert.
Wir werden ja sehen, meinte er trotzig. Ich glaube, er hat in der ganzen Zeit, in der er für diese Station zuständig war, nicht einen Raucher durch solche Methoden bekehren können.

Eines Abends, es war schon relativ spät, so gegen 22 Uhr, hörten wir draußen auf der Station ziemlichen Radau.
„Wohl ein Neuzugang“, meinte W., „wird bestimmt wieder mal gemütlich heute Nacht.“
Kurze Zeit später wurde die Tür aufgerissen und ein großer, gewaltiger Kerl stürmte herein.
Die Mädels, die mit im Raum waren, zogen sich erschreckt an die Wände und in die Ecken zurück, oder versuchte sich hinter W. und mir zu verstecken.
Der Kerl war irre, offenbar schon voll auf Turkey.
„Ich schlag hier alles kurz und klein!“, schrie er und rannte mit gehetzten Schritten auf jeden zu, um kurz zuvor umzudrehen und sich an den nächsten zu wenden.
„Ich brauch Methadon!“, schrie er und spreizte dabei weit die Armen, „ich brauche einen Meter Methadon!“
W. und ich kicherten.

Die Mädchen, kaum dass ihnen wohl bewusst wurde, dass es sich um einen Junkie handelte, waren noch verschreckter.
„Ich bring euch alle um!“, schrie er, „bäng, bäng, bäng!“
Dabei imitierte er eine Knarre und hielt sie jedem Mädel einzeln an den Kopf.
„Die haben mich nicht mal durchsucht!“ Er sprang wie irre im Kreis, „wenn ich wollte, hätte ich meine Tokarev dabei, dann wärt ihr jetzt alles tot!“

Ehe ich mich versah, trat W. auf ihn zu.
„Bist du Soldat?“, brüllte er in bester Offiziersmanier.
Der Typ war völlig überrascht und irritiert.
„Jawohll!“, brüllte er zurück.
„Dann nehmen Sie jetzt Haltung an!“ W. hatte sich, obwohl deutlich kleiner, mächtig vor dem Kerl aufgebaut.
„Wo hast du gedient, Soldat?“
Ich weiß nicht mehr, was der Typ antwortete. W. griff in seine Gesäßtasche und zog eine dicke Börse heraus, die er aufklappte.
In einem Teil glitzerte sein Fallschirmjägerabzeichen, und im anderen sein Militärpass, der ihn als Oberst der Reserve auswies.
Von da an ließ der Typ sogar mitten im Gespräch den Oberarzt einfach stehen, wenn W. vorbeikam.

Da muss man schon ziemlich drauf sein, um vor dir Angst zu haben, sagte ich später zu ihm.
Er lachte: Wir sind alle verrückt. Man muss die Verrücktheit nur packen können.
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Haschgetüm
Platin-User
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Anmeldungsdatum: 26.03.2015
Beiträge: 2394

BeitragVerfasst am: 5. Nov 2016 12:43    Titel: Antworten mit Zitat

Schöne Geschichte Wink
Gefällt mir sehr gut.
Flüssig zu lesen, interessanter Inhalt. Du darfst gerne mehr schreiben, ich lese auf jeden Fall mit marle Wink
Und inspiriert hast du mich auch, ich werd demnächst auch mal wieder ne Geschichte zum Besten geben - aber die ist noch nicht geschrieben und wird sie dieses we wahrscheinlich auch nicht mehr.
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Marle
Platin-User
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Anmeldungsdatum: 06.10.2016
Beiträge: 1392

BeitragVerfasst am: 5. Nov 2016 12:50    Titel: Antworten mit Zitat

Ja, also Danke. Freut mich, wenn's dem einen oder der anderen gefällt.
Auch, wenn die Hintergründe dazu oft nicht so freudig waren.

Aber das Leben schreibt eben immer noch die besten Geschichten.
Natürlich "true", Sickgirl.
Da gibt es viele solche Vorkommnisse, die würden mir jedenfalls eher nicht in der Fantasy einfallen.

Hau in die Tasten, Haschi!
Für mich hat das auch etwas, irgendwie Befreiendes, Reflektierendes.
Leider leben so einige meiner "Helden" nicht mehr.
Oder doch, wenigsten in meiner Erinnerung noch weiter?

LG
Marle
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sickgirl
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Anmeldungsdatum: 28.01.2015
Beiträge: 386

BeitragVerfasst am: 5. Nov 2016 12:58    Titel: Antworten mit Zitat

Sehr cool, marle!
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Fjara
Gold-User
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Anmeldungsdatum: 31.05.2016
Beiträge: 371

BeitragVerfasst am: 5. Nov 2016 15:47    Titel: Antworten mit Zitat

Ich lese auch sehr gerne mit und weiter. Gefällt mir auch sehr gut.
Liebe Grüße
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Marle
Platin-User
Platin-User


Anmeldungsdatum: 06.10.2016
Beiträge: 1392

BeitragVerfasst am: 5. Nov 2016 16:40    Titel: Antworten mit Zitat

Komisch, wenn ich zurückdenke, dann stelle ich fest, dass die Raucherzimmer der diversen Häuser immer auch so etwas die Erlebnismittelpunkte bei meinen Entzügen und Begleiterkrankungen waren.

Sie hieß C. und hatte wunderschönes, gewelltes, naturrotes Haar. Und ganz im Gegensatz zu der vielleicht allgemein vorhandenen Vorstellung, dass Irre auch irr aussehen müssten, war sie rein optisch ein Engel. Manchmal auch ein gefallener aus Erz.

„So!“, sagte sie beim ersten Mal im Raucherzimmer zu mir, „bist du jetzt auch da!“
Nicht fragend. Sondern feststellend. So, als hätten wir uns schon unzählige Mal in den Psychiatrien getroffen.
„Hallo du“, antworte ich, „ich bin M.“
Ich weiß, sagte sie mit einer Selbstverständlichkeit, die mich an meinem Erinnerungsvermögen zweifeln ließ.
Sie trug immer und überall ein Täschchen mit sich herum. Manchmal in Rosa, manchmal in zart blau. Es gab Momente, da wurde ich an meine Kindheit erinnert, wenn mein Schwesterchen auf dem Weg zu ihren Freundinnen war.

Jetzt kramte sie in dem Täschchen herum und wandte sich schließlich mir zu.
„Kannst du mir mal Feuer geben? Ich glaub', ich habe meines irgendwo liegen lassen.“
In den folgenden Wochen bat sie mich noch oft um Feuer, und ich glaube, ich wurde allein deswegen Stammkunde beim Tabakshop im naheliegenden Einkaufscenter, weil ich Unmengen an 3er Packs Big Feuerzeuge für sie kaufte. Und Zigaretten.

Eigentlich war sie keine Raucherin. Sie war mehr eine Zigarettenausdrückerin.
Ich habe noch niemals jemand kennengelernt, der im Verlauf von vielleicht 15 oder 20 Minuten so viele Zigaretten angezündet und nach zwei, höchstens drei Zügen wieder ausgedrückt, und fein sauber nebeneinander, mit dem Filter nach oben, in den Aschenbecher gelegt hat. Tatsächlich war der Aschenbecher hinterher immer eine volle Schachtel Zigaretten, liebevoll angeraucht und darauf wartend, dass jemand zugriff.

Ob sie mich denn von irgendwoher kenne, fragte ich.
„Du brauchst dich nicht verstellen“, belehrte sie mich mit Nachdruck, „ich weiß schon, warum du da bist.“
„Ach so“, mehr fiel mir auf die Schnelle nicht ein. Hatten wir so laut im Arztzimmer geredet? Oder gab es Plappermäulchen unter dem Pflegepersonal, die mit meiner Krankheitsgeschichte hausieren gingen?
„Du passt auf mich auf!“ sie lächelte mich fast etwas kleinmädchenhaft an.
„Ich … wie …“, weiter kam ich nicht. Ich kam meist überhaupt nicht weiter und es genügte ein in etwa passendes Stichwort fallen zu lassen, und C. erklärte mir den Rest.
„Ich finde, sie haben dich gut ausgesucht“, sagte sie, „du bist ein ganz Lieber und fällst hier überhaupt nicht auf.“
Ich räusperte mich: „Ich … lieb …“
„Brauchst nichts sagen! Es ist gut so!“
„Wenn du …“
„Hast du den Neuen schon im Visier?“ fragte sie.
„Den Neuen …?“
„Ich weiß genau, was der will. Die haben ihn beauftragt. Du musst jetzt ganz besonders aufpassen.“
„Was ..“
„Nein, nicht abwiegeln! Ich weiß, es ist dein Auftrag und du tust es.“
Meine Augen waren voller Fragezeichen.
„Aber den kochen wir auch noch weich. Wart’s ab! Der wird bald wieder abziehen.“

Schizophrene Paranoia mit einem akuten manischen Schub.
Wir sollten noch viel Spaß miteinander haben.
Ich der Bodyguard und C., die fast schon geheimnisvolle Schöne, die mir Abgründe der SM-Szene aufmachte und es so weit brachte, dass ich mich manches Mal nicht getraute einzuschlafen …
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Obelix
Gold-User
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Anmeldungsdatum: 18.06.2011
Beiträge: 784

BeitragVerfasst am: 5. Nov 2016 16:49    Titel: Antworten mit Zitat

Auf den letzten Beitrag bezogen: Die Heldin warst in diesem Fall Du...
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Marle
Platin-User
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Anmeldungsdatum: 06.10.2016
Beiträge: 1392

BeitragVerfasst am: 5. Nov 2016 17:00    Titel: Antworten mit Zitat

Ich glaube jetzt eher nicht Wink
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ast
Platin-User
Platin-User


Anmeldungsdatum: 14.03.2012
Beiträge: 2094

BeitragVerfasst am: 5. Nov 2016 17:30    Titel: Antworten mit Zitat

Marle hat Folgendes geschrieben:
Ich glaube jetzt eher nicht Wink

wie man sich doch täuschen kann...hatte Dich eigentlich auch eher für weiblich gehalten.
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mikel015
Foren-Guru
Foren-Guru


Anmeldungsdatum: 27.03.2015
Beiträge: 3751

BeitragVerfasst am: 5. Nov 2016 18:03    Titel: Antworten mit Zitat

WO IST SIE!" Schrie ich so laut ich konnte. Die Knarre hielt ich dabei in sein Gesicht und zwar so, dass er meinen Finger sehen konnte, der am Abzug klebe ohne auch nur ein bisschen zu zittern, damit er wusste das ichs ernst meine und jeder Zeit abdrücken würde. Sein Gesicht war von Angst gezeichnet. Als stünde er vor Medusa schien er zu Stein erstarrt worden zu sein und brachte keinen Ton von sich. Also wiederholte ich mich: "WO IST SIE HAB ICH GESAGT!" Jetzt ein erstes Stammeln und er presste sogar einige Tränen raus: "OK OK!, Ich sags dir, wir haben sie in der 35. Hausnummer 4! alles klar?!". Ich lies seinen Kragen los und er fiel, die Arme angewinkelt, zu Boden und atmete immernoch schwer. "Geht doch" sagte ich mit der trügerisch-freundlichen Stimme, mein Arm mit der Waffe senkte sich langsam und ebenso trügerisch ab..."Aber leider wirst du trotzdem sterben, weil du ein VERDAMMTER LÜGNER BIST!" "Nei-!" *PENG!*


Ich traf also ca. 10cm neben seinem Kopf und ging mit langsamen, gelassenen Schritten auf ihn zu "Ups...", Ich beugte mich zu ihm runter "...nicht getroffen...". Seine Augen waren weit Aufgerissen und die offensichtliche Falschheit die ich bis jetzt permanent in seinem Gesicht sehen konnte schien wie vom Knall des Schusses vertrieben und wich nun der puren Angst. "Wenn du nicht willst, dass ich Zielen lerne, verarschst du mich beim nächsten Versuch lieber nicht!" immernoch keine Reaktion seiner Mimik "Also: Wo. Ist. Sie!" Erst jetzt war die gewünschte Situation erreicht, erst jetzt glaubte er ich könne seine Gedanken lesen, denn die Angst fraß seine Vernunft und ich macht mich auf den Weg.
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