Frei von Drogen, weil...

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Jana
Platin-User
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Anmeldungsdatum: 02.10.2007
Beiträge: 1470

BeitragVerfasst am: 5. Mai 2010 21:39    Titel: Frei von Drogen, weil... Antworten mit Zitat

... die kleinen Stimmen, die einen zum Weiter machen oder Richtung wechseln auffordern, immer dann am lautesten sprechen, wenn man bei klarem Verstand ist. Bewusst Veränderungen wahrnehmen, bewusst das schmerzvolle aufnehmen, beenden, verabschieden, frei und nüchtern neuem entgegen blicken.

Gerade jetzt stehen mir harte Zeiten bevor, dessen Erlebnis ich niemals wegblasen wollen würde, niemals wollen würde, dass es vorbei geht, und ich es nicht erlebt habe. Gerade schwere Aufgaben und der Umgang damit sind es, an die ich mich mal erinnern will. Wenn die Zeit kommt, und leider auch mal verdirbt, was man einst gesät und und mit Liebe hat wachsen lassen, wenn sich die Sterblichkeit dessen zeigt, was man zu oft für selbstverständlich erachtet, in seinem Bestreben, dem "Mensch sein" nachzugehen.

Ich richte mein Leben aus Überzeugung nach keiner Substanz. Niemals. Und mich würde mal interessieren, ob es hier jemanden gibt, der dem Wahnsinn Leben auf eine vielleicht ähnliche Weise begegnet. Motivationen, Einstellungen, Inspirationen, Gedanken, wie man des Lebens herrliche und schreckliche Seiten ganz allein, mit Feingefühl erkennen und verarbeiten kann...
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veilchenfee
Foren-Guru
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Anmeldungsdatum: 18.12.2009
Beiträge: 4057

BeitragVerfasst am: 5. Mai 2010 23:35    Titel: Antworten mit Zitat

Puhh, heftiges Thema ... Wenn der Wahnsinn des Lebens/Schicksals über mich hereinbricht, bin ich topfit, klar, nüchtern und ertrage jede noch so schmerzvolle Erfahrung bravourös. Ich laufe zu Hochform auf und der Gedanke an Betäubung kommt mir nicht, weil ich in der Krise jederzeit reaktionsfähig sein muss und möchte. Krisen und harte Zeiten formen unsere Persönlichkeit und machen uns hoffentlich stärker und erfahrener. Daher finde ich es wichtig, sie auch bewusst wahrzunehmen und durchzustehen. Und es wäre schade, wenn man das Licht am Ende des Tunnels übersehen würde.

Schwieriger ist es, im banalen, nervtötenden, sich ewig wiederholenden Alltag nüchtern zu bleiben. Ich sehe keinen positiven Aspekt darin, die Erschöpfung des Alltages allzeit nüchtern zu ertragen. Und ich will mich später auch nicht daran erinnern. Wenn die sinnlosen Gedanken im Kopf rotieren kann es sehr erholsam sein, sich mal ein paar Stündchen künstlich auszublenden. (Oder man geht ins Bett und zieht die Decke übern Kopf. Geht immer auch anders, klar.)

Zitat:
Gedanken, wie man des Lebens herrliche und schreckliche Seiten ganz allein, mit Feingefühl erkennen und verarbeiten kann...

Als es mir vor einiger Zeit schlecht ging, fing ich an, Insekten zu fotografieren. Versinken in aufmerksamer Beobachtung, langes Stillstehen und Warten, auf Kieselsteinen knien, an Dornen hängenbleiben, dann: Der Erfolg! Das perfekte Bild! Begeisterung! Vergrößerung! Fotoausdruck! Faszination! Oder ein mehrstündiger Ausritt über Berg und Tal auf einem netten Pferd bei Sonnenschein, 22 Grad Celsius, sanftem Wind. Besser als 1 Woche Urlaub. Erholung pur.

Die schrecklichen Momente kann ich teilweise in Selbstgesprächen bzw. stummen Dialogen mit lebenden oder verstorbenen Personen verarbeiten.

Schwieriges Thema ... gehe erstmal schlafen. Cool
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ulla79
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Anmeldungsdatum: 17.03.2009
Beiträge: 908

BeitragVerfasst am: 6. Mai 2010 15:19    Titel: Antworten mit Zitat

warum frei von Drogen? Eine gute Frage! Ich kann nur sagen, dass ich wahrscheinlicih in meiner Vergangenheit, Kindheit, Jugend einfach nur großes Glück hatte. Nichts schlechtes erlebt, was ich betäuben musste und letztlich auch nie an die "richtigen" Leute gekommen. Mir war es nie bewusst, dass Drogen für mich ein Fremdwort waren, bis zu dem Tag, an dem ich meinen Freund kennenlernte. Zuvor habe ich noch nie im Leben so diesen Hass auf dieses Zeug und diese Verzweiflung ihm nicht helfen zu können, diese Todesangst um ihn gespürt. Ich bin sehr dankbar, dass ich nie in diesen Strudel hineingekommen bin.
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Jana
Platin-User
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Anmeldungsdatum: 02.10.2007
Beiträge: 1470

BeitragVerfasst am: 6. Mai 2010 17:15    Titel: Antworten mit Zitat

@Veilchenfee: Ich meine gerade diesen Alltags-Trott. Ich kann und will mir das nicht ständig unter verfälschtem Realitätsbild geben. Ich will wirklich sagen können, dass er die Arbeit allein ist, die mich auch ab und an mal im Auto über Sinn und Unsinn im Kopf allein philosophieren lässt. Ein Kaffee ist die einzige Droge, um dieser seltsam angenehmen Kreativität auf die Sprünge zu helfen.

Und Insekten fotografieren ist auch eine meiner Lieblingsbeschäftigungen im Sommer. Alles, was sich gut tarnen kann, Seltenheitswert hat, oder sich interessant verhält, wird bei mir geknipst. Fachlich bin ich auf dem Gebiet der Fotografie zwar total schlecht, aber wenn ich auf den Bildern alles wieder erkennen kann, denke ich auch an den unbeschwerten Moment. An den kann ich mich erinnern. Ohne Rausch. Was ich auch toll finde, ist es, ein Bild auf verschiedene Arten zu sehen. Als Symbol, als Karikatur, als Lehre...

@Ulla79: Was, außer dem Aspekt des Elends, den die Illegalität schafft, überzeugt dich denn wirklich abstinent zu bleiben? Vollkommen abstinent bin ich ja auch nicht - weil eben Koffein und der Alkohol in Wein oder Sekt auch Drogen sind - aber was ist deine wahre Überzeugung?
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ulla79
Gold-User
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Anmeldungsdatum: 17.03.2009
Beiträge: 908

BeitragVerfasst am: 6. Mai 2010 18:07    Titel: Antworten mit Zitat

@ Jana:
ich habe überhaupt noch nie den Gedanken gehabt, welche zu nehmen. Außer auch Kofein und natürlich hin und wieder mal Alkohol beim feiern. Mit den richtigen Drogen ist das wohl so "was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß". ich kann es auch nicht wirklich erklären, obwohl ich die Neugierede in Person bin, das hatte für mich noch nie einen Reiz, so als würde es einfach nicht existieren. Auch jetzt nicht, wo ich praktisch täglich, wenn auch nur indirekt damit konfroniert bin.
Es ist auch so, wenn es mir schlecht geht, habe ich geradezu einen Ekel vor Alkohol usw. Manche lassen sich dann ja immer richtig zulaufen.
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michaela
Bronze-User
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Anmeldungsdatum: 13.04.2010
Beiträge: 92

BeitragVerfasst am: 7. Mai 2010 12:36    Titel: Antworten mit Zitat

In der Tat waren das Gedanken und Überlegungen, Jana, die mich (und wohl auch viele andere) zu dem Entschluß gebracht haben, endlich ohne Drogen leben zu wollen.

Einen Tag beginnen zu können mit Gelassenheit, in Ruhe und mit Normalität OHNE die Angst im Nacken, er könnte in einem Entzug enden, weil man nicht in der Lage war, Geld zu beschaffen, sich die Droge zu holen und dann auch noch das perfekte Lügengebäude darum herum zu konstruieren, damit es niemandem auffällt.
Einen Tag leben zu können, an dem man SPÜRT, dass man glücklich ist, weil man Zeit und Ruhe hat, Dinge zu tun, die das LEBEN erfordert und nicht die SUCHT.

Trauer, Angst und Wut wieder zu lassen können, denn nur dann kann man auch fühlen, dass man auch zufrieden oder glücklich sein kann. Wieder lachen können, bis einem der Bauch weh tut, weil man sich einfach über etwas freut, dass nicht aus der Droge entstand. KEIN Lachflash aufgrund irgendwelcher Substanzen, sondern ein Lachen über ein gemeinsames Erlebnis, über sich selbst.

Wieder ein Buch lesen können, um es zu ERLEBEN, nicht, um zu fliehen, oder sich anzulenken. Um nicht an den Entzug denken zu müssen, sondern einfach, weil man LUST hat, es zu lesen.

Für mich waren es insbesondere meine Gefühle, die ich wieder haben wollte: ALLE! Die Angst, die Trauer, die ich jahrelang nicht zu ließ und sie so auch gar nicht bewältigen konnte. Ich wollte wieder weinen dürfen, mir selbst gestatten, traurig zu sein und Angst zu haben und ICH wollte diejenige sein, die mich dann auch wieder tröstet und mir selbst sagt, dass die Angst von heute nicht realistisch ist; dass sie nicht lebensbedrohend ist und mich nicht umbringt. Und das ich keine Opiate nehmen muss, um sie zu überleben, sondern dass sie einfach nach ein paar Stunden von allein vergeht und ich sie überstehen kann! Dass ich daran wachsen kann, dadurch stärker werde.

Sucht und Drogen nehmen dem Leben sämtliche Farben. Heroin macht alles grau. Die Gefühle sind grau, das Lachen ist grau, der Geschmack und der Geruchssinn - alles ist grau.
Man erstickt sich selbst in diesem Grau und erst ein Ausstieg macht die immense Farbpalette des Lebens wieder sichtbar.
Nur clean und klar und bei vollem Bewußtsein fühlt man Sonne auf der Haut, spürt das Gras unter seinen Händen und Füßen, hört Grillen, Heuschrecken, Vögel zirpen und singen; man fühlt, wie unterschiedlich der Wind über die Haut streift: mal langsam, mal schnell, mal in Wellen, dann wieder aprupt. Man kann riechen, wenn sich Regen ankündigt und erkennt wieder wie ein kleines Kind Figuren und Tiere in den Wolken.
Auf Droge sitzt man einfach nur in der Sonne und es ist heiss.

Klar und clean kann ich beim Kochen Ruhe finden, mich entspannen. Mich freuen über saftige grüne und rote Paprika, die ich auf dem Markt gekauft habe. Clean fällt mir auf, welch enorme Farbintensität ein bisschen Safran in den Wildreis bringt und wie ein wenig frisches Zitronengras ein völlig anderes Aroma in meine chinesische Reisgemüsepfanne bringt.
Breit esse und koche ich allenfalls, um satt zu werden.

Sexualität klar zu erleben, mit allen Sinnen: fühlen, schmecken, hören, riechen, sehen; die Haut meines Freundes an meiner, zu spüren, wie Bewegung und Lust, Hingabe und Verlangen eins werden, Zeit haben, Zeit einfach Zeit sein lassen, sich selbst in dem Anderen verlieren und doch wieder finden, einen völlig natürlichen und ungleich ekstatischeren Rausch zu erleben, als ihn mir jede Droge der Welt geben kann;
das alles möchte ich nie wieder missen. Nie wieder aufgeben.
Für keine Droge der Welt und unter keinen Umständen der Welt.

Und dennoch: so wie man traurig sein muss, um wieder glücklich zu werden so musste ich - und da spreche ich nur für mich persönlich! - erst in die Abhängigkeit geraten, um meine jetzige Freiheit zu geniessen.
Ich musste erst diesen jahrelangen Weg durch die Sucht gehen, um mich selbst zu finden und mit meiner Vergangenheit abzuschließen. Ich hätte sonst nie erkannt, wie schön ein Leben OHNE Drogen sein kann. So, wie manche Menschen erst nah am Tod sein mussten, um ihr Leben wieder lebenswert zu finden und erst dann in der Lage waren, jeden Tag zu leben und zu genießen, als sei es ihr letzter.

In diesem Sinne: Carpe diem!

LG - Ela
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veilchenfee
Foren-Guru
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Anmeldungsdatum: 18.12.2009
Beiträge: 4057

BeitragVerfasst am: 7. Mai 2010 17:36    Titel: Antworten mit Zitat

Michaela, das hast Du alles sehr schön formuliert. Mir ist jedoch was mich betrifft aufgefallen, dass mein Leben durch meine Arbeit ebenfalls grau wird. Dazu brauche ich kein Heroin. Ich esse um satt zu werden, ich beherrsche und verdränge meine Gefühle und mein Leben erscheint mir stumpf und dumpf. Der Morgen beginnt mit der Angst, der Arbeit nicht gewachsen zu sein.

Zitat:
Einen Tag leben zu können, an dem man SPÜRT, dass man glücklich ist, weil man Zeit und Ruhe hat, Dinge zu tun, die das LEBEN erfordert und nicht die SUCHT.


Ich habe selten Zeit und Ruhe, Dinge zu tun, die das Leben erfordert. Die Arbeit frisst alles auf. Glücklich bin ich, wenn ich meine Ruhe habe und keinen Menschen sehen oder hören muss. Daher bin ich auch so gerne hier im Forum - da läuft die Kommunikation so schön leise und ohne Optik (von den Buchstaben mal abgesehen) ab.

In meiner Freizeit (nicht in den paar Feierabendstunden) kann ich das von Dir so wunderschön beschriebene Farbige, Lebendige, Sinnliche wieder erleben, muss mich aber ganz schön anstrengen, um "umschalten" zu können. Das sind seltene, kostbare Momente, in denen ich mich und die Welt wieder richtig spüren kann.

Schreibt jetzt nicht, ich soll mir eine andere Arbeit suchen ... Rolling Eyes
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michaela
Bronze-User
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Anmeldungsdatum: 13.04.2010
Beiträge: 92

BeitragVerfasst am: 8. Mai 2010 12:12    Titel: Antworten mit Zitat

Vielleicht nicht unbedingt eine andere Arbeit - obwohl die Idee natürlich nicht von der Hand zu weisen ist (und: was spricht dagegen? Viele Menschen haben sich doch immer wieder mal umorientiert, vielleicht brauchst auch Du mal etwas ganz anderes?) aber vielleicht etwas kürzer treten? Halbtags? Oder einfach mal Urlaub machen?

Natürlich kenne ich das selber auch nur zu gut. Die Tage die einfach grau sind und an denen man das Gefühl hat in einem Hamsterkäfig zu treten und zu treten und zu treten...
Tatsächlich hatte ich vor ca. 2 Monaten gerade eine solchen Phase. Die war wirklich extrem und zum Teil lag das sicher auch an diesem ellen langen unaushaltbaren Winter und dem damit verbundenen besch... Wetter, aber auch in meiner Beziehung war irgendwie alles Alltag.
Ich fing schon an, nicht mehr zu wissen, welcher Wochentag eigentlich ist, weil alles so öde und gleich ablief.
Geändert hat sich letztlich a) das Wetter (naja, momentan ist es leider schon wieder so ein Einheitsgrau...) und b) hat mein Freund einen neuen Job bekommen. Also hatten auch wir einen anderen Rythmus und ihm tat der Wechsel sichtlich gut.
Nun hat das natürlich nicht jeder und vielleicht hast Du auch keine Beziehung, davon ab, man sollte Veränderung ja auch aus sich selbst heraus bewerkstelligen können.
Ich für meinen Teil habe in diesen Monaten angefangen, auch bei mir selbst etwas zu ändern. Ich habe meinem Tag einen anderen Rythmus gegeben. Bin völlig andere Strecken mit dem Hund gegangen, um neue Eindrücke zu bekommen. Habe abends wieder angefangen zu lesen, statt fern zu sehen. Ich habe wieder Kontakt zu einer Freundin aufgenommen, die ich schon über ein Jahr nicht mehr gesehen habe. Bin wieder öfter zu Fuß gegangen, statt mit dem Rad zu fahren. Nur Kleinigkeiten, aber es hat doch langfristig geholfen. Letztlich gab es dann auch während der Arbeit andere Gedankengänge, da ich andere Dinge erlebt hatte.

Du scheinst doch auch jemand zu sein, der in seiner Freizeit durchaus andere Dinge macht, als nur TV oder PC. Schon mal darüber nachgedacht, zu malen? Zu schreiben? Zu dichten? Schwimmen zu gehen? Ein Haustier? Hund, Katze, Maus? Hol Dir andere Einflüsse in Dein Leben. Das funktioniert! Falls nicht, beschwer Dich ruhig bei mir! Very Happy
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veilchenfee
Foren-Guru
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Anmeldungsdatum: 18.12.2009
Beiträge: 4057

BeitragVerfasst am: 8. Mai 2010 13:55    Titel: Antworten mit Zitat

Liebe michaela!

Das ist alles richtig was Du schreibst und ich mache eigentlich schon alles, was gut, richtig, sinnvoll ist und natürlich auch Spaß macht. Ich gestalte meinen kleinen Garten, meine Haustiere sind die Wasserschnecken im Gartenteich, ich fotografiere, male, schreibe, lese und gehe seit einem Jahr sogar wieder regelmäßig reiten. Komme gerade von dort. Mit meiner langjährigen Beziehung bin ich glücklich, das Dach meines Hauses ist dicht und größere Sorgen habe ich nicht.

Den größten Teil meiner Existenz nimmt aber doch die Arbeit ein und ich wünsche mir einfach mehr Freiheit und mehr unbeschwerte Stunden für die Dinge, die mir wichtig sind.

Insgesamt jammere ich aber auf hohem Niveau und wahrscheinlich sollte ich einfach mehr Bescheidenheit an den Tag legen. Genau genommen geht es mir doch gut ... das Leben ist halt kein Wunschkonzert ... und egal, wen man fragt, es geht wohl jedem von Zeit zu Zeit so oder so ähnlich. Kürzer treten würde zu Lasten des Betriebes und der Azubis gehen. Zwar halte ich mich nicht für unersetzlich, aber es sollen nicht andere leiden, nur weil ich mich locker machen möchte.

Glücklicherweise ist es mir aber in den letzten Jahren immer besser gelungen, das Thema "mir geht es so schlecht" von Drogen zu trennen. Das war ein langer Weg aber heute passiert es mir so gut wie nicht mehr, dass ich Missempfindungen mit irgendwelchen Substanzen therapiere.

Vielen Dank für Deinen netten Post und Grüße!
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michaela
Bronze-User
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Anmeldungsdatum: 13.04.2010
Beiträge: 92

BeitragVerfasst am: 8. Mai 2010 14:37    Titel: Antworten mit Zitat

Ja, Du hast Recht. Wir jammern viel zu oft in unserem Wohlstand. "The grass is always greener on the other side, isn't it?"
Aber, hey: Du hast es doch wirklich geschafft! Haus, Garten, Beziehung, Job. (Wobei bei mir persönlich so ein bisschen die Zeit vorbei ist, in der ich so oft darüber nachdachte, was mein Handeln für andere an Konsequenzen hat, gerade bzgl. der Arbeit. Es ist halt nicht meine Verantwortung dafür zu sorgen, dass es anderen gut geht. Das muss nicht rücksichtslos sein, aber doch für mich eine Spur von gesundem Egoismus haben! Azubi's sind jung, gesünder, kräftiger. Die können gerne eine Spur mehr arbeiten als ich. Ich musste es früher auch...)

Mir hilft es doch oft, wenn ich - wie eigentlich fast jeden Tag - an unserem Drogencafé vorbei fahre. Ich sehe dann oft Leute, mit denen ich mal Therapie gemacht habe, die zitternd und rotwangig auf den Dealer warten, irgendwelche Habseligkeiten dabei, I-Pod, Laptop, etc., weil sie kein Geld mehr haben, aber dringend Stoff brauchen und dann bin ich wieder froh und glücklich mit meinem kleinen, aber cleanen Leben.
Mit dem bisschen, was ich habe, mit meiner kleinen Wohnung, meinem Hund, meinem Sohn, meinem Freund und meiner Familie. Und vor allem: mit der RUHE!
Die Ruhe, die ich heute im Vergleich zu meinem früheren Leben hatte. Und vor allem auch mit der Ehrlichkeit und der Aufrichtigkeit, die ich heute an den Tag lege. Ich muss niemandem mehr belügen, niemandem mehr hintergehen, mir kein Konstrukt an Ausreden und Rechtfertigungen mehr zurecht legen. Nicht für mich, nicht für andere.

Welche Drogen hast Du eigentlich konsumiert? Wie lange bist Du clean? Hast Du Dich hier vorgestellt? Kann ich das irgendwo noch nachlesen?

Fragen über Fragen...
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Jana
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Anmeldungsdatum: 02.10.2007
Beiträge: 1470

BeitragVerfasst am: 8. Mai 2010 15:24    Titel: Antworten mit Zitat

@Michaela:

"Sucht und Drogen nehmen dem Leben sämtliche Farben. Heroin macht alles grau. Die Gefühle sind grau, das Lachen ist grau, der Geschmack und der Geruchssinn - alles ist grau. "

Ist nicht gerade das gefährliche und verführerische an Drogen, dass sie einem das Gegenteil suggerieren? Dass man auch deswegen neben körperlicher Abhängigkeit eine psychische Abhängigkeit schnell ausprägen kann? Warum kam diese Erkenntnis dann plötzlich bei dir?
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michaela
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Anmeldungsdatum: 13.04.2010
Beiträge: 92

BeitragVerfasst am: 8. Mai 2010 15:40    Titel: Antworten mit Zitat

Also bei mir persönlich war es nicht so, dass mir die Drogen Freude, Glück oder ähnliches suggerierten. Dies war allenfalls bei der ersten Einnahme von etwas der Fall. Vor allem beim Heroin. Darin liegt die Gefahr. Der Süchtige glaubt, mit jedem erneuten Konsum diesen "Kick" wiederholen zu können, aber den gibt es in der Tat nur ein Mal.
Ich habe die Drogen für mich genutzt, um funktionieren zu können. Arbeiten zu können, Leistung bringen zu können und um die Gedanken an meine Kindheit, meinen Schmerz und die Erinnerungen daran, was alles passiert ist, verdrängen zu können.
Mir war immer bewußt, dass die Euphorie, die einem die Droge vorgaukelt, chemischer Natur war. Aber ich dachte damals, besser eine chemische Euphorie als gar keine.
Damals war mein Leben - in meiner Empfindung - auch grau. Ich hatte eine Ausbildung, die mich nicht ausfüllte, eine Umgebung, in der ich unglücklich war. Und ich habe wohl sehr lange gebraucht, um erwachsen zu werden, um zu erkennen, dass es an MIR ist, dies zu ändern. MICH zu ändern. Aus meiner Umgebung auszusteigen und für das, was mit meinem Leben passiert, SELBER die Verantwortung zu tragen.
Lange Zeit war das nicht so. Wenn einem als Kind Dinge widerfahren, die so schlimm, so unbegreiflich sind, wie sexueller Missbrauch, körperliche Gewalt, dann glaubt man lange Zeit, dass andere über einen bestimmen. Das man nicht in der Lage ist, ein selbstbestimmtes Leben zu führen.

Ich brauchte Hilfe von aussen, um das zu erkennen. Ein Glück für die, die Eltern haben, eine Umgebung haben, in denen ihnen das von Anfang an suggeriert wird. Bei mir war das leider nicht so.
Auch das Aussteigen, der Wunsch, nach einem cleanen Leben kam nicht plötzlich. Das war schon ein langwieriger Prozess, der sich ganz am Anfang vor allem durch eine - für Abhängige typische - Hintertür auszeichnete, nach dem Motto: "Mal sehen, ob ich das schaffe. Wenn nicht, kann ich immer noch konsumieren."
Erst als ich diese Hintertür wirklich zuschlug - und das hiess bei mir stationäre Therapie - war es mir wirklich möglich, mich auf die Therapie und meine Eigenverantwortlichkeit einzulassen.
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veilchenfee
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Anmeldungsdatum: 18.12.2009
Beiträge: 4057

BeitragVerfasst am: 8. Mai 2010 15:45    Titel: Antworten mit Zitat

Hi michaela!

Habe mich vor einigen Monaten hier in der Willkommens-Rubrik vorgestellt, die Überschrift lautet, soweit ich mich erinnere "Hier ist die Veilchenfee" oder so ähnlich.

Kurzzusammenfassung:

- mit 15 Normi-Nox (Methaqalon) tägl. zusammen mit Alkohol für ca. ein 3/4 Jahr. Von einem auf den anderen Tag aufgehört mangels Nachschub. Weiter gesoffen und
- mit 18 das tägliche Profi-Kiffen angefangen. Hier und da mal ein Näschen Speed. Das Saufen aufgegeben.
- mit 21 Kokain (SEHR VIEL) und Heroin (wenig) i.v. für ca. 2,5 Jahre. Hardcore-Kiffen die ganze Zeit über.
- danach Codein (viel), Tramal, Benzos (wenig), um dem Weltschmerz Herr zu werden. Kokain ist echt hinterhältig. Selten mal Speed oder LSD.

Seit Ende der 90er habe ich mich extrem runtergefahren, seit 2005 rauche+kiffe ich auch kaum noch. Alkohol ist kein Thema. Mal ein kühles, erfrischendes Bier oder ein schönes Glas Rotwein, mehr nicht. Kreativ war ich fast durchgehend, außer in den i.v.-Jahren.

Entzüge waren für mich nie ein großes Thema, AUßER der vom Kokain. Da hatte ich Jahre dran zu knabbern. Genug Codein etc. habe ich wahrlich genommen, habe aber immer vorausschauend gedacht und langsam ausgeschlichen, wenn absehbar war, dass diese Phase zu Ende geht (gehen muss). Insgesamt war das aber ein seeehr lange andauernder Prozess.

Ja, so war das Very Happy
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Jana
Platin-User
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Anmeldungsdatum: 02.10.2007
Beiträge: 1470

BeitragVerfasst am: 8. Mai 2010 15:58    Titel: Antworten mit Zitat

@Michaela: Für mich ist das graue, farblose gerade das, was mich dazu bringt, kreativ zu sein, mir mal mehr, mal weniger, sinnvolles auszudenken.

Meine Ausbildungszeit war auch nicht spektakulär, da habe ich z.B. mehr als einmal die Schnauze innerlich voll gehabt. Letztlich war aber gerade das die Zeit, wo ich zuhause gründlich über's Leben nachgedacht habe. Wenn man im Glück schwimmt, verliert man auch mal die Übersicht, das Zeitgefühl. Eine passende Ausgewogenheit, das ist für mich immer das wichtige, und das müssen nicht jeden Tag neue Erlebnisse sein, sondern oftmals neue Gedanken über die Dinge. Warum sie so sind, wie sie sind. Hätte ich nur Glück in allen Lebenslagen, würden mir ruhige Momente draußen in der Natur vielleicht gar nicht als das in Erscheinung treten, was sie sind.

Die Farblosigkeit an sich verstehe ich also nicht unbedingt als einen "Blocker" oder "Bremser". Hast du dich also wirklich "gefangen" gefühlt, eingeschränkt, oder war es eher - im symbolischen Sinne - so wie Kopfschmerzen, die einfach nicht weggehen? Denen man keinen tieferen Sinn abverlangen kann?
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michaela
Bronze-User
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Anmeldungsdatum: 13.04.2010
Beiträge: 92

BeitragVerfasst am: 8. Mai 2010 16:37    Titel: Antworten mit Zitat

Jana, es ist einfach schwer, Dir das zu vermitteln.
ICH WURDE ALS KLEINES MÄDCHEN IM ALTER VON FÜNF UNSCHULDIGEN JAHREN SEXUELL ZWEI JAHRE LANG MISSBRAUCHT!

Das sind keine Kopfschmerzen, kein Grau, aus dem man mit Arbeit oder dem Fotografieren von Insekten heraus kommen kann. Das ist ein einschneidendes, schmerzhaftes, lebensbedrohliches, todesnahes Erlebnis, dass man niemals vergisst, kaum verarbeiten und noch seltener vergeben kann.
Das ist ein TRAUMA, dass einen gesamten Menschen, ein Kind in seiner gänzlichen Entwicklung sowohl psychisch wie auch physisch einschränkt, behindert, verändert und nicht unerhebliche Folgen mit sich bringt. Manche Menschen mit derartigen Erfahrungen bringen sich um, andere entwickeln Psychosen, wieder andere entwickeln die verschiedensten Persönlichkeitsstörungen und andere nehmen Drogen.
NIEMAND, ich wiederhole, NIEMAND übersteht so etwas unbeschadet und kann so etwas einfach wegarbeiten.
Mir ist einfach schleierhaft, warum Du das so wegdiskutierst, nicht einsiehst, was bewiesen, DA ist, was ganze Schaaren und Gruppen von Psychologen, Ärzten, Psychologen und Traumaexperten seit Jahrzehnten beschäftigt.

Ich war ein Kind. Ich hatte KEINE SCHULD! Nicht für den Missbrauch kann man mich verantwortlich machen noch für den ersten, "heilenden" weil meiner Seele Frieden gebenden Konsum kann man mich verantwortlich machen. Für ALLES, was ich nach Therapie tat und noch tue, ja, dafür übernehme ich die volle Verantwortung. Nicht für das, was mir angetan wurde.
Und mir ist das nicht nur einmal passiert, sondern drei mal. Ein Opfer bleibt leider lange Zeit ein Opfer. Solange, bis es selbst begreift, dass es nur ALLEIN aus dieser Opferrolle aussteigen kann, indem es Verantwortung übernimmt.
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