Zivilcourage

Neues Thema eröffnen   Dieses Thema ist gesperrt, du kannst keine Beiträge editieren oder beantworten.    Drogen-Forum Foren-Übersicht -> Erfahrungsberichte
Vorheriges Thema anzeigen :: Nächstes Thema anzeigen  
Autor Nachricht
Cappu
Gold-User
Gold-User


Anmeldungsdatum: 16.01.2009
Beiträge: 483

BeitragVerfasst am: 16. Jul 2010 00:26    Titel: Zivilcourage Antworten mit Zitat

Kennt jemand das Wort?

Der Definition nach bedeutet wörtlich übersetzt so viel wie "Bürgerlicher Mut".
Und zwar der Mut dazu, anderen zu helfen, auch wenn ich mich selbst damit evtl. in eine missliche Lage bringen oder einen Nachteil daraus ziehe (nicht zwangsläufig, aber das befürchten die Menschen ja meist).

Ich hab schon so oft Sachen gesehen wo niemand eingegriffen hat.

Ein sterbender Mann mit Schlaganfall auf dem Boden des Bahnhofsplatzes - angeblich betrunken. Der Rettungsdienst kam gerade noch rechtzeitig nachdem ich es als einzige für nötig gehalten habe einen Rettungswagen zu rufen.

Ein psychisch kranker Mann der sich mit dem Kopf gegen die Wand schlägt und dabei ausgelacht wird - ein Bahnpolizist der mir sagt, ich solle gefälligst selbst den Rettungsdienst rufen wenn ich es für nötig halte (Akku leer).

Nur um zwei Beispiele zu nennen.

Und jetzt begab es sich, dass ich selbst Hilfe brauchte. Natürlich keine bekam. Ihr kennt es ja - die Hitze, Alkohol, Drogen. Schlechte Kombination. Den ganzen Tag nix gegessen, 2 Bier getrunken, 1 Joint geraucht. Die Wirkung war verheerend. Ich konnte kaum gehen, sprechen, mein Kreislauf war kurz vorm Kollaps und ich wollte nur noch heim.
Zufällig fuhr grad ein Taxi an mir vorbei was ich mit letzter Kraft anhielt und meine Adresse räusperte (ca. 500 meter Entfernung).

Später hab ich einen Blick in den Spiegel geworfen: Kreidebleich, die Lippen blau angelaufen.

Und was macht dieser dreckige Taxifahrer? Schmeißt mich aus lauter Angst, ich könnte in sein schönes Auto kotzen fast mit nem Fußtritt aus dem Taxi, hat sich sogar geweigert grad noch mit an die Türe zu kommen damit ich das Geld holen konnte (hatte keineswegs vor mit dem Taxi zu fahren und kein Geld dabei) und überlässt mich meinem Schicksal.

Ganz ehrlich - ich bin eine gepflegte Erscheinung, hatte ne weiße Bluse und ne schwarze Stoffhose an. Ich war offensichtlich nicht betrunken sondern einfach total am Ende. Das der Mann nicht mal auf die Idee gekommen ist zu fragen ob er nen Arzt rufen soll (bei meinem Anblick wäre das durchaus drin gewesen, sah fast schlimmer aus als es war, aber ich hatte doch leicht Angst zu kollabieren).

Naja, wie dem auch sei - ich hab´s überlebt, mal wieder was draus gelernt und muss sagen: traurige Welt.
Nach oben
Karsi
Silber-User
Silber-User


Anmeldungsdatum: 24.03.2009
Beiträge: 222

BeitragVerfasst am: 16. Jul 2010 00:48    Titel: Antworten mit Zitat

Trauriges Deutschland sag ich dazu nur!
freue mich aber für dich das du auch ohne"Zivilcourage"anderer,alles gut überstanden hast und hoffe das du aber ne lehre daraus gezogen hast.
merke dir:verlass dich nicht auf andere...dann bist du verlassen.denn nicht jeder denkt und handelt wie du selbst und hilft im notfall.da gibt für manche ja in dem moment witigere dinge wie ein sauberes auto oder auf nicht verschmutzte kleidung zu achten.

halt die ohren steif

LG
Karsi
Nach oben
veilchenfee
Foren-Guru
Foren-Guru


Anmeldungsdatum: 18.12.2009
Beiträge: 4060

BeitragVerfasst am: 16. Jul 2010 10:07    Titel: Antworten mit Zitat

Vor einiger Zeit purzelte ein älterer Mann, bepackt mit einer riesigen Karstadt-Tüte (Inhalt: Neu gekauftes Bettzeug), vor meiner Nase aus einer Straßenbahn. Er bremste mit den Händen, hatte entsprechend blutige Schürfwunden und blieb liegen.

Um ihn herum stiegen die anderen Fahrgäste aus und ein, kletterten über ihn drüber. Ich war die einzige, die stehen blieb und fragte die "große, graue Masse" erstmal nach einem Päckchen Tempo (wegen der blutenden Schürfunden). Irgendwer gab mir die Taschentücher, ich wickelte sie um die Hände des älteren Mannes und brachte ihn langsam in die sitzende Position.

Irgendwann saß er dann mit seiner Tüte auf dem Haltestellenbänkchen und ich versuchte herauszufinden, inwieweit er orientiert war. Das gestaltete sich als schwierig, da er offenbar kein/kaum Deutsch sprach und wohl in der Tat etwas (aber nur etwas) alkoholisiert war. Ich war mir unsicher, ob er wirklich ein Fall für den Krankenwagen oder die Polizei war und wollte erst noch abwarten. Inzwischen hatte ich einen Verbündeten gefunden, der sich bereit erklärte, die weitere Betreuung des Herrn zu übernehmen und ggf. doch noch einen Krankenwagen zu rufen. Ich konnte den Fall nicht weiter verfolgen, da meine Bahn kam, in die ich auch einstieg. Ich wusste den Herrn jedoch in verantwortungsvollen Händen und konnte beruhigt nach Hause fahren.

Ich fand es unglaublich: Mindestens 20 Leute gingen genervt um ihn herum, wie er da auf dem Boden lag bzw. stiegen über ihn drüber, weil er den Eingang der Straßenbahn blockierte. Hätte man gefragt - ein Großteil dieser rechtschaffenen Bürger bezeichnen sich bestimmt als gute Christenmenschen und gehen an Weihnachten brav in die Heilige Messe.

BAH.
Nach oben
Jana
Platin-User
Platin-User


Anmeldungsdatum: 02.10.2007
Beiträge: 1470

BeitragVerfasst am: 16. Jul 2010 11:11    Titel: Antworten mit Zitat

Interessant. Das Thema hat aber nur indirekt was mit Drogen/Sucht zu tun, was? Oder soll es hier schon darum gehen, wie hilfsbereit Menschen gegenüber Drogensüchtigen sind?

Wenn ja, dann habe ich da einen recht einfachen Erfahrungswert: Neulich war bei uns in der Nähe an einem Friedhof auch ein etwas seltsamerer Zeitgenosse. Lief etwas ziellos, teilweise im Kreis, vorm Eingangstor entlang, lachte immer wieder mal wie ein Wahnsinniger, und ist eben vielen aufgefallen. Bekannte von mir, die zufällig auch gerade Gräber von Angehörigen besuchen wollten, haben reagiert, und gleich den Krankenwagen und auch die Polizei gerufen (ob sie wirklich beide gerufen haben weiß ich nicht, Polizei war aber später auch da). Die erste Reaktion bei so jemanden ist Angst. Ich wäre da auch nicht hingegangen, wer weiß, woher soll ich wissen, ob der bei entsprechender Nähe nicht doch ein Messer zückt? Ob Drogen im Spiel waren weiß ich natürlich auch nicht, kann auch einfach ein Geisteskranker gewesen sein. Fakt ist nur: Es kann auch sein, dass aus Angst nicht unmittelbar geholfen wird.

@Cappu: Mich würde das an deiner Stelle zwar auch nicht trösten, aber vielleicht hat der Taxi-Fahrer ganz einfach Schiss gehabt, er könnte durch weitere Anteilnahme in etwas "hinein geraten". Wenn er sich gedacht hat, du hast exzessiv Drogen genommen, wird er vielleicht auch seinen Teil gedacht haben. Beschaffungskriminalität, Prostitution (sprich, wütender Zuhälter, der eventuell noch hinter dir her ist), Drogenmafia - damit will keiner was zu tun haben. Versteh' mich nicht falsch, das sind üble Klischees, aber wie viel tiefer gehende Bildung traust du den Menschen zu?

@Veilchenfee: Das ist menschlicher Alltagswahn, viele sind auf die Bahn angewiesen, wollen zur Arbeit, die Bahn kommt zu spät, und weil man sich wahrscheinlich niemals mehr wieder sieht, wird sich auch nicht darum gekümmert. letztlich sind Menschen brutale Egoisten. Die Hilfsbereitschaft ist manchmal mit der Peinlichkeit verbunden, die entsteht, wenn man nah genug bei einem hilfsbedürftigen Menschen steht, und die Leute das sehen. Dann wird geholfen, ehe man die entsetzten Blicke der Menge ertragen muss, weil man nichts gemacht hat. Geh mal etwas abseits der Massen einen Weg entlang. War neulich bei mir erst so: Habe mich auf einem Feldweg lang gelegt, auf der anderen Seite war die Wiese eines Freibades. Es wäre auch kein Ding gewesen, eben über einen lächerlichen, kleinen Bach zu treten, und was zu machen, aber da man ja noch jung ist, schnell wieder aufstehen kann, und nicht viel mehr als 'ne dreckige Hose hat, glotzen die Leute nur blöd und lachen teilweise. So lange keiner Konsequenzen zu fürchten hat, macht er auch nichts. Da bist du zusammen mit Cappu eine große Ausnahme, bilde dir was drauf ein.
Nach oben
Karsi
Silber-User
Silber-User


Anmeldungsdatum: 24.03.2009
Beiträge: 222

BeitragVerfasst am: 16. Jul 2010 12:09    Titel: Antworten mit Zitat

Jana hat Folgendes geschrieben:
...bilde dir was drauf ein.

Einbilden braucht man sich darauf wahrlich nix,aber etwas stolz sein auf jeden fall.ihr seid zwei unter vielen...das macht den unterschied aus.

Man kann nicht allen helfen! sagt der Engherzige und - hilft keinem.

lg
karsi
Nach oben
Cappu
Gold-User
Gold-User


Anmeldungsdatum: 16.01.2009
Beiträge: 483

BeitragVerfasst am: 16. Jul 2010 14:42    Titel: Antworten mit Zitat

Jana - hast du gut erkannt, Drogen eher zweitrangig. Ich denke nicht, dass man mich sofort mit Drogen in Verbindung gebracht hat, höchstens mit Alkohol da es Freitag später Abend war.
Das einzige was mir dabei aufgefallen ist: wenn die Menschen mutmaßen jemand stünde unter Drogen / Alkohol, sinkt die Hilfsbereitschaft direkt um ein vielfaches - weil man könnte ja angegriffen werden oder sonstiges, ganz egal ob derjenige noch dazu in der Lage wäre oder nicht.
Ich kanns verstehen dass nicht jeder in jeder Lage helfen kann und will, aber ein bisschen Menschlichkeit kann man jedem abverlangen.
Nach oben
Sienna
Platin-User
Platin-User


Anmeldungsdatum: 31.08.2009
Beiträge: 1986

BeitragVerfasst am: 16. Jul 2010 17:57    Titel: Antworten mit Zitat

Zitat:
Das Thema hat aber nur indirekt was mit Drogen/Sucht zu tun, was?


Warum muss hier auch jedes Thema direkt etwas mit Drogen zu tun haben? Ich finde, es fehlt hier eine Rubrik, in der man auch mal über nicht drogen-relevante Themen diskutieren kann. Wär doch mal eine Idee, oder? Thema Zivilcourage könnte z.B in die Rubrik "Moral & Ethik". Natürlich müssten das die Admins entscheiden, aber schön fände ich es trotzdem. Dann würde die Atmosphäre ein wenig aufgelockert werden - gibt es in allen anderen Drogenforen auch.

OT: Natürlich mangelt es den meisten Menschen an Zivilcourage. Viele sind in der Hinsicht ziemlich scheinheilig: Groß rumtönen, dass sie ja auf jeden Fall einem hilfsbedürftigen Menschen helfen würden, im Fall der Fälle aber sehen sie aber lieber weg und gehen weiter.
Glücklicherweise geschehen noch Zeichen und Wunder.
Jedoch sollte man nicht zu heldenhaft sein und sich selbst in Gefahr bringen. Die Situation richtig einschätzen und besser sogleich die Polizei rufen, kommt man mal in so eine Lage.
Nach oben
TramaWolfpack
Silber-User
Silber-User


Anmeldungsdatum: 01.05.2010
Beiträge: 153

BeitragVerfasst am: 16. Jul 2010 20:32    Titel: Antworten mit Zitat

Hi...

also ganz im Ernst: Ich gehe von mir scherzhaft immer als GAA (größtes anzunehmendes A******** ) aus, aber selbst ich helfe bei so Sachen sofort, mir egal wieviele gaffen. Ich weiß doch, die hätten alle nicht die Eier gehabt, das zu tun, was ich dann eben getan hätte. Das reicht, um sich nicht peinlich oder so zu fühlen, sondern eher erhaben über diesen Volksdreck, der zuschaut. Wenn man anfängt, ein großes Ego aufzubauen, dann werden alle Leute, außer der engste Kreis, unwichtig.
Sollen die wahrhaftig denken, was sie wollen.

Genauso wenn ich mit der clique früher skaten war, und da kam einer mit em Rollstuhl an, der brauchte nichtmal fragen, wir haben die Schuhe ausgezogen und den sofort samt Stuhl mit vier Mann die Treppen hoch getragen, wo ist bei so Sachen das Problem, ich kapier das nicht? Das sind paar Sekunden der eigenen Zeit, ja du lieber Gott.
Vor allen, man fühlt sich doch besser dadurch, man hat was gutes, sinnvolles getan. Besser geht´s doch kaum.
Nach oben
Jana
Platin-User
Platin-User


Anmeldungsdatum: 02.10.2007
Beiträge: 1470

BeitragVerfasst am: 17. Jul 2010 14:23    Titel: Antworten mit Zitat

Bei Rollstuhlfahrern erlaube ich mir aber auch mal auf die Menschen zu schielen, die Hilfe nicht anerkennen. Erinnert sich jemand an die witzige Szene aus Scary Movie 2, wo der Rollstuhlfahrer zu stolz ist, sich helfen zu lassen, und samt Rollstuhl die Treppe versucht hochzuklettern? Laughing Solche gibt es leider auch immer mal. Nicht danke sagen, arrogant gucken, wenn man mal wo sitzt und das Wetter genießt, nach dem Motto "Lauf los, verwöhnter Mensch mit zwei Beinen".

@Sienna: Eben das ist es ja, der offtopic-Bereich ist ausgeschaltet worden, weil zu viel dafür drauf ging. Das Grund-Thema Drogen, Sucht, Erfahrungen wurde zu stark verwässert. Aber hier ist ja in gewisser weise der Bezug da. Trotzdem wollte ich's kurz anmerken.
Nach oben
Cappu
Gold-User
Gold-User


Anmeldungsdatum: 16.01.2009
Beiträge: 483

BeitragVerfasst am: 17. Jul 2010 23:41    Titel: Antworten mit Zitat

Japp das hab ich auch schon erlebt. Hab mal einer Frau mit mehr oder weniger fast kaum vorhandenen Armen nen Busplatz angeboten weil sie sich nur sehr schlecht an der Stange festhalten konnte. Ist fast ausfallend geworden, als hätt ich ihr damit was böses gewollt. Manche wollen halt auch keine Hilfe.
Nach oben
Beiträge der letzten Zeit anzeigen:   
Neues Thema eröffnen   Dieses Thema ist gesperrt, du kannst keine Beiträge editieren oder beantworten.    Drogen-Forum Foren-Übersicht -> Erfahrungsberichte Alle Zeiten sind GMT + 2 Stunden
Seite 1 von 1
Gehe zu:  
Impressum & Rechtliches
ForenübersichtIndex   SucheSuche   FAQFAQ   LoginLogin