der Entzug unter Konsumenten

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ulla79
Gold-User
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Anmeldungsdatum: 17.03.2009
Beiträge: 908

BeitragVerfasst am: 22. Mai 2011 01:32    Titel: der Entzug unter Konsumenten Antworten mit Zitat

Mich würde mal grundlegend interessieren, warum es Abhängigen so schwer fällt, wenn ihre Freunde, Bekannten und Verwandten, die selbst auch abhängig sind es irgendwie nicht "ertragen" können, das jemand aus ihrem Umfeld den Weg in ein cleanes Leben schaffen will?

Ich will nichts verallgemeinern, es gibt bestimmt auch viele andere Bsp. aber warum muss man genau vor einem ballern, der gerade einen Entzug macht?
Warum muss man mit jedem Satz den man spricht ausschließlich nur über Menge, Qalität, wo und wie usw. von H reden, wenn man genau weiß, der andere will durchhalten?

Ich kann mir das nicht erklären, wenn mir eine Person nahe steht, die noch dazu das gleiche Problem, wie man selber hat und demnach auch weiß, was der andere da gerade durchmacht, wieso wird da fast regelrecht provoziert?
Anstatt evtl. vielleicht selber einen Entzug mitzumachen? Ist es eine Form von Neid? Der kann es schaffen, aber ich nicht?
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CrazyMan
Platin-User
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Anmeldungsdatum: 15.01.2010
Beiträge: 2108

BeitragVerfasst am: 22. Mai 2011 06:35    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo ulla79,

Freundschaften gibt es unter Heroinabhängigen eher selten. Sogar zwischengeschlechtliche Beziehungen, auch Ehen, sind oftmals mehr Zweckgemeinschaften. Ich kenne beispielsweise eine Ehe, die mehr an ein locker gebundenes Junkie-Paar erinnert. Der Typ ist in Entgiftung, Madame denkt die ersten Wochen nicht im Geringsten daran, ihn nur anzurufen und zu fragen, wie es denn läuft, wie es ihm geht. Sie ist mehr mit dem täglichen verkaufen und H-Rauchen beschäftigt, also primär mit sich selbst und mit der Sucht.

Unter diesen Voraussetzungen ist ein anderer Mensch nicht wirklich wichtig. Und Leute, die einem nicht wichtig sind, werden recht gefühlslos beobachtet, gehen sie unter.

Jeder Mensch hat eine sarkastische Ader, stichelt auch mal gerne, tritt voller Lust in die Sandburg und grinst, wenn derjenige, der sie mühevoll aufgebaut hat, bedröppelt dreinschaut.

Ähnlich ist es, wenn jemand Kraft aufgebracht hat, im persönlichen Entzug voranzukommen. Es ist wie ein Spiel, bei dem es darum geht, den anderen bis zum Abgrund zu locken, bis er das Gleichgewicht verliert und abstürzt. Von oben betrachtet sieht der Sturz überaus lustig aus - nicht wahr?

Auf der anderen Seite ist ein selbstständiges Entfliehen ein Beweis dafür, Kraft aufgebracht zu haben, mehr Kraft und Willen, zusammengefasst "Charakter", als alle anderen, die in der Gruppe dumm gucken, steht Fritzchen nun kraftstrotzend, gesund und voller Elan, ja, und auch irgendwie pfiffig wirkend vor ihnen. Er meint wohl, jetzt etwas besseres zu sein? Diese Flausen wollen wir ihm doch gleich wieder austreiben. Na, nicht Lust auf 'nen Bobble? Kriegst ihn auch gratis! ...zumindest der erste, hehehe!

Zusammenfassend: Gerade in diesem Milieu wird dem anderen nur sehr selten etwas gegönnt. Und die menschliche Natur schaut gerne zu, wenn ein anderer fällt, zu dem keine emotionale Bindung besteht. Um so mehr, wenn die eigene Person gefallen ist. Der, der ganz unten ist, hat nichts dagegen, wenn sich auch andere auf dieses Nivieu hinzugesellen. Denn insgeheim ist es unbefriedigend bis quälend, so tief gedunken zu sein. "Was, du willst diesem Folterkeller entfliehen? Dir soll es plötzlich besser gehen als uns?", schreit Junkytoni. Ich denke, genau das ist es, was die Leute dazu treibt, jemand zurück ins morsche Boot zu ziehen, anstatt ihm zu gewähren, die Leiter des sicheren Dampfers empor zu klettern.
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gast01
Silber-User
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Anmeldungsdatum: 14.04.2011
Beiträge: 231

BeitragVerfasst am: 22. Mai 2011 16:14    Titel: Antworten mit Zitat

CrazyMan ja so ist es,und selbst wenn du clean bist aber andere leute wissen oder wusten das du drauf warst will keiner was mit dir zutuhen haben,deswegen bleiben junkis junkis und kiffer kiffer und alkis alkis
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veilchenfee
Foren-Guru
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Anmeldungsdatum: 18.12.2009
Beiträge: 4066

BeitragVerfasst am: 22. Mai 2011 20:21    Titel: Antworten mit Zitat

CrazyMan hat´s erfasst. Die meisten Menschen sehen es nicht gerne, wenn andere besser vorankommen als sie selbst. Daher wird versucht, den anderen auf das eigene, erbärmliche Niveau herunterzuziehen.

gast01 schrieb:
Zitat:
und selbst wenn du clean bist aber andere leute wissen oder wusten das du drauf warst will keiner was mit dir zutuhen haben,

Das stimmt so meiner Erfahrung nach nicht. Klar, dass die Leute erstmal vorsichtig und Misstrauisch sind. Damit haben sie ja recht. Doch wenn man sich "normal" benimmt und durch Integrität und Leistung überzeugt, gerät die Vergangenheit bald in Vergessenheit. Beispiel: Ich bin immer sehr offen mit meiner Historie umgegangen. Um nicht erpressbar zu sein, habe ich meinem Chef reinen Wein eingeschenkt, kaum dass ich ein paar Wochen im Betrieb war. Und was tat er? Er schickte mich bald danach auf Hausbesuch - ich sollte einem Krebskranken im Endstadium Morphium subcutan spritzen und dessen Angehörige in die Handhabung von Spritzen einweisen.

Noch Fragen?

Ich bin also mit dieser 20er Schachtel Ampullen in der Tasche da hingefahren. Natürlich war da der GEDANKE ... aber mein Arbeitsplatz war mir wichtiger und ich wollte das in mich gesetzte Vertrauen auf keinen Fall enttäuschen.

Ich hatte nie Probleme, weil ich keine Probleme verursacht habe und mittlerweile erzähle ich auch nicht mehr jedem von meiner Vergangenheit.
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CrazyMan
Platin-User
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Anmeldungsdatum: 15.01.2010
Beiträge: 2108

BeitragVerfasst am: 23. Mai 2011 16:25    Titel: Antworten mit Zitat

veilchenfee hat Folgendes geschrieben:
Um nicht erpressbar zu sein, habe ich meinem Chef reinen Wein eingeschenkt, kaum dass ich ein paar Wochen im Betrieb war.

Hätte es denn nicht ausgereicht, erst dann davon zu erzählen, wenn es notwendig ist, beispielsweise erst dann, wenn jemand anfängt hinter deinem Rücken über dich zu Tratschen. Denn Grundsätzlich, so meine Meinung, sollte man damit vorsichtig sein.

Die Vernunft sagt zwar, hat ein Mensch diese Sucht überwunden, ist er als normaler und vertrauenswürdiger Mensch zu betrachten. Doch ist das wirklich so vernünftig? Die Vorurteile sind nur schwer aus dem Kopf zu bekommen, selbst dann, wenn man es sehr gerne möchte. Diese Verankerung hat ihren Grund. Viele sind nun mal stark rückfallgefährdet und instabil. Und viele sind ja nun mal recht assiger Natur, die sie die erste Zeit geschickt zu überdecken verstehen.

Selber habe ich schon oft livehaftig erlebt, wie sich das Gegenüber veränderte, sobald Kenntnis darüber erlangt wurde, aus welchem Grund ich im Krankenhaus bin (die Rönthenassistentin schaute mir nicht mehr in die Augen und unterbrach das muntere Gespräch), oder warum ich gerne einen Termin mit dem Onkel Doktor hätte (die Sprechstundenhilfe sah mich plötzlich abwertend an und sprach mit aggressiven Ton mit mir).

Und genau solche Reaktionen möchte ich vermeiden. Deshalb positioniere ich das Eingeständnis, jemals mit Heroin oder Drogen allgemein zu tun gehabt zu haben, ganz weit nach hinten, habe aber auch keie Schwierigkeiten, darüber zu sprechen - wenn es sein muss.

veilchenfee hat Folgendes geschrieben:

Ich bin also mit dieser 20er Schachtel Ampullen in der Tasche da hingefahren. Natürlich war da der GEDANKE ... aber mein Arbeitsplatz war mir wichtiger und ich wollte das in mich gesetzte Vertrauen auf keinen Fall enttäuschen.

Wie kam der Arbeitgeber darauf? Meinte er, du kennst dich mit Injektionen aus, weil du dir vermeintlich H gespritzt hast?


CrazyMan hat Folgendes geschrieben:

...Niviau...

Meine Kreation "Niviau" sieht zumindest interessant aus. Wenn es hier eine Edit-Funktion gäbe, hätte ich Gelegeneheit gehabt, es zu korrigieren. Sei's drum, sollen eben alle denken, ich sei Legastheniker. Wink
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Trini
Platin-User
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Anmeldungsdatum: 17.06.2009
Beiträge: 1147

BeitragVerfasst am: 23. Mai 2011 17:46    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Ulla
Dein Freund ist doch bestimmt schon sehr lange drauf und da muß ihm doch selber klar sein das das unmöglich ist seinen entzug durchzuziehen wenn vor seiner Nase munter geballert wird.
Ich sehe es auch so das man in der Szene keine wirklich ernsten freundschaften hat. Es geht nur ums eine wie du schon festgestellt hast.
Ich bin auch überzeugt davon das dein Freund niemals lange clean bleibt wenn er den Entzug tatsächlich schaffen sollte mit dem Umgang. Sein Leben neu ordnen heisst in diesem Fall auch altes Verhalten ablegen und alte Drückerfreunde meiden. Das tut dein freund nicht, also bleibt alles so wie es ist und nichts wird sich ändern.

@ Veilchen
das war wirklich mutig gleich beim Chef mit der tür ins Haus fallen Very Happy
ich glaube das du großes Glück gehabt hast und eine echt sympatische Person sein mußt Very Happy
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veilchenfee
Foren-Guru
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Anmeldungsdatum: 18.12.2009
Beiträge: 4066

BeitragVerfasst am: 23. Mai 2011 18:30    Titel: Antworten mit Zitat

CrazyMan schrieb:
Zitat:
Wie kam der Arbeitgeber darauf? Meinte er, du kennst dich mit Injektionen aus, weil du dir vermeintlich H gespritzt hast?

Hätte es denn nicht ausgereicht, erst dann davon zu erzählen, wenn es notwendig ist, beispielsweise erst dann, wenn jemand anfängt hinter deinem Rücken über dich zu Tratschen. Denn Grundsätzlich, so meine Meinung, sollte man damit vorsichtig sein.


Ich kenne mich mit Injektionen besonders deswegen aus, weil diese seit vielen Jahren einen Teil meiner täglichen Arbeit darstellen. Ich fand es damals, als ich noch relativ neu im Betrieb war, aber schon bemerkenswert, dass er mir, obwohl er von meiner Vergangenheit wusste, eine solche Aufgabe übertragen hat. Ich sah es als Test an.

Wie gesagt: Heute würde ich auch anders handeln aber damals war es mir lieber, mein Chef erfährt es gleich. Zumal er MICH zum Gespräch gebeten hat. Ich war nämlich in der Tat etwas unvorsichtig und meine Kolleginnen haben gepetzt. Ins Detail bin ich natürlich nicht gegangen. Bei meiner vorigen Arbeitsstelle übrigens tatsächlich passiert, dass Leute aufgetaucht sind, die mich aus meiner Drogenzeit kannten. Die haben das dann sofort überall herumerzählt. Deswegen wollte ich von vornherein klare Verhältnisse schaffen nach dem Motto: Die beste Verteidigung ist der Angriff.

Zitat:
Selber habe ich schon oft livehaftig erlebt, wie sich das Gegenüber veränderte, sobald Kenntnis darüber erlangt wurde, aus welchem Grund ich im Krankenhaus bin (die Rönthenassistentin schaute mir nicht mehr in die Augen und unterbrach das muntere Gespräch), oder warum ich gerne einen Termin mit dem Onkel Doktor hätte (die Sprechstundenhilfe sah mich plötzlich abwertend an und sprach mit aggressiven Ton mit mir).

Gerade medizinisches Fachpersonal sollte da keine Vorurteile haben. Ich bin entsetzt! Auf jeden Fall gibt man den lieben Leuten was zum Nachdenken mit nach Hause, wenn man sich superfreundlich und angenehm verhält und so gar nicht dem gängigen Vorurteil entspricht. Viel mehr kann man nicht tun.
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veilchenfee
Foren-Guru
Foren-Guru


Anmeldungsdatum: 18.12.2009
Beiträge: 4066

BeitragVerfasst am: 23. Mai 2011 18:52    Titel: Antworten mit Zitat

@ Trini:
Auch wenn ich oft über meine Arbeit schimpfe: Ich glaube in der Tat, dass ich ein Riesenglück hatte und habe. Ich habe meine "schlimme Zeit" nicht vergessen und ich hätte mir damals nicht vorstellen können, dass ich mal ein so zufriedenes Leben führen würde. Daher versuche ich auch hier Zuversicht zu versprühen. Egal wie dreckig es jemandem gerade gehen und wie aussichtslos das Leben erscheinen mag: Es lohnt sich immer weiterzumachen. Nachdem das Tal durchschritten ist, geht es wieder aufwärts. Very Happy
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babu
Anfänger


Anmeldungsdatum: 19.05.2011
Beiträge: 1

BeitragVerfasst am: 24. Mai 2011 01:53    Titel: Antworten mit Zitat

Veilchenfee!

- Eine wahre Lebensweisheit!

Als ich das letzte mal 12 Monate clean war dachte ich auch schon alles hätte sich wieder gefangen. Ich hab mich um meine Familie und meine Firmen wieder gekümmert und ich dachte alles geht jetzt wieder prächtig bergauf. Ich habe mich stark gefühlt, überheblich, so wie vor dem H.

Das Ende vom Lied:
Come on, heute ist mal richtig Party und rinn die Nase! Ein paar Tage später habe ich mir dann schon 4 sachets (das sind kleine Alufolientäschen mit ca. 0,1 - 0,2g H) bestellt, mit der festen Vorgabe diese nur so als Reserve da liegen zu haben denn die Party tags vorher die hat richtig gefezt.
Nach nichtmal 10 Tagen war ich wieder voll dabe, mit bis zu 8 - 10 sachests pro Tag.

Noch ein Satz zum ursprünglichem Thema:
- traue keinem anderen Junkie
- wenn Du clean bist und es bleiben willst dann bleib von den Ballermännern und vor Allem halt dich von den Dealern fern! Nehme keine Gespräche mehr an, antworte auf keine SMS!
Die wollen ALLE nur Dein Bestes!

So long

Babu
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