Fremdkörper, fühlt ihr euch auch oft als solcher?

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BlancheNeige
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Anmeldungsdatum: 22.10.2011
Beiträge: 694

BeitragVerfasst am: 22. Okt 2011 22:57    Titel: Fremdkörper, fühlt ihr euch auch oft als solcher? Antworten mit Zitat

Hallo!

Auch ich war längere Zeit stiller Mitleser. Ich muss sagen, dass ich vor vielen hier den Hut ziehe, was sie trotz ( oder gerade wegen? ) der Sucht alles geschafft haben! Da können sich einige "normale" Leute was von annehmen.
Nun habe ich eine Frage, die ich in meinem neuen Umfeld niemanden stellen kann:

Fühlt ihr euch oft oder vielleicht täglich als Fremdkörper? Ich meine, im alltäglichen Leben. Einige von euch sind schon seit längerem substituiert und haben ein geregeltes Leben mit Teil-/ oder Vollzeitjob, Kids, aufdränglichen Nachbarn etc.
Wenn ja, wie geht ihr damit um, sodass ihr nicht depressiv werdet? Ich fühle mich in dieser absolut soliden Welt, in der ich mich seit circa einem Jahr befinde, eher gefangen. Ich habe alles getan, um doch noch zu dieser Gesellschaft dazu zu gehören ( Abi nachgemacht & Studium begonnen), fast total clean gelebt, bis auf Benzos ab und an & Gras, d.h kein Kokain mehr geraucht oder gezogen 1,5 Jahre, bis auf einen winzigen Rückfall.

Nun habe ich das Gefühl, dass ich im falschen Film bin. Mir steht wieder ein stationärer Aufenthalt bevor, nachdem ich plötzlich und unverhofft vom Nervenarzt direkt zur Psychiatrie gefahren werden sollte, nur weil ich ihm meine Probleme bzw. Ängste dargelegt habe. Vielleicht versteht ihr was ich meine?
Ich habe das Gefühl, dass ich in dieser cleanen und normalen Welt gar nicht angekommen bin und ich mir nur was vorgemacht habe. Die Leute verstehen mich nicht und eigentlich lüge ich nur, was die Vergangenheit angeht.

Ist das bei euch ähnlich? Und wenn ja, hat es sich bei euch irgendwann geändert? Dass ihr euch nicht mehr "fremd" fühlt?
Und lässt dieser Wunsch nach Rausch in den vielen Lebenssituationen nach?
Ich weiß gar nicht, wie das ein ganzes Leben so weitergehen soll?!

Ich wäre um einige Antworten sehr froh!

LG B.N
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veilchenfee
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Anmeldungsdatum: 18.12.2009
Beiträge: 4066

BeitragVerfasst am: 22. Okt 2011 23:29    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Blanche,

ich kann verstehen, dass Du Dich wie ein Fremdkörper fühlst. Jahrelang habe ich ausschließlich Kontakt mit Leuten gepflegt, die auf meiner Wellenlänge waren. Wer kein Drogenkonsument oder zumindest Kiffer war, existierte in meiner Welt eigentlich gar nicht. Musste ich mal auf eine Familienfeier mit "normalen" Leuten, machte ich ein höfliches Gesicht, saß meine Zeit ab und haute schnellstmöglich wieder ab. Drogen hatte ich IMMER einstecken, es hätte ja sein können, dass man z.B. im Fahrstuhl stecken bleibt und dann da sitzt und nichts zu kiffen hat (ernsthaft!).

Mittlerweile, da ich viele Jahre (harte Drogen) bzw. Monate (Kiffen) clean bin, spielt das alles keine Rolle mehr und ich habe das Gefühl, dass ich in der Gesellschaft angekommen bin. Ich brauche nicht mehr die Illusion, durch Drogenkonsum was "Besonderes" zu sein. Das bin ich auch so. Ich bin endlich, nach so vielen Jahren frei, körperlich, aber hauptsächlich geistig.

Du bist wahrscheinlich eine ganze Ecke jünger als ich. Daher wundert mich nicht, dass Du noch nicht "ankommen" kannst. Ich musste erst ca. 35 Jahre alt werden, um die letzten Schritte zu gehen. All diese Entwicklungsprozesse laufen ja schleichend ab und nun bin ich 40 und nehme an, dass ich es zu 98% hinter mir habe.

Ich würde mich freuen, mehr von Dir zu lesen. Liebe Grüße!
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BlancheNeige
Gold-User
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Anmeldungsdatum: 22.10.2011
Beiträge: 694

BeitragVerfasst am: 22. Okt 2011 23:59    Titel: Antworten mit Zitat

Oh, vielen Dank für die rasche Antwort! Einerseits macht mir das Mut, was du schreibst, andererseits denke ich, dass es wirklich auch mit der geistigen Reife etwas zutun hat. Womöglich bin ich da noch nicht so weit wie du.
Vielleicht kennst du das auch, dass du meinst, dass dir "Jahre fehlen"?
Also irgendwie meine ich, dass ich gleichaltrigen um soo viele Dinge voraus bin, und dann wieder nicht. Zum Beispiel, haben andere ganz viele Erfahrungen gemacht. Ich hatte nie so einen ersten richtigen Freund, wie man das so kennt. Es waren alles Drogen-Freunde, 10 Jahre älter und im Prinzip durch. Man hat sich die so gesucht, haben einen ja auch ausgehalten.
Leider, leider habe ich das erste mal Crack geraucht als ich 15 Jahre alt war. Von da an wusste ich irgendwie, dass jetzt nichts mehr so sein wird, wie vorher.
Drauf folgte dann recht schnell die Geschlossene etc.
Und ab da habe ich nichts mehr mit meinen neuen "Freunden" gemein.
Ich war nicht einmal auf einer Klassenfahrt, ganz billiges Beispiel.
Und meinen ersten Nebenjob habe ich auch nur drauf gemeistert ( bis auf das letzte Jahr, da war ich sauber ).

So, und wie bleibt man sauber. Das geht schon, finde ich. Zumal ich temporäre Psychosen habe und Panikattacken, da weiß ich gar nicht merh was los ist. Nach meinem Rückfall hat sich das verschlimmert- also lasse ich es! Aus Angst und aus Respekt meinem Körper gegenüber.
Nun denn, ich habe seitdem ich 18 bin alleine gewohnt, nun wohne ich in einer WG, das hilft mir wenn ich mal wieder paranoid werde sehr. Jedoch wohne ich in einer Art "Model" WG. Kann lustig sein. Kann unlustig sein, wenn die alle um mich herum koksen. Können sie auch, ich komme damit gut klar!

Aber ich weiß gar nicht in welche Kategorie ich mich einordnen soll. Und Clubs ohne Drogen geht für mich gar nicht. Dann frage ich mich an einem Samstag wie heute, ob ich nun doch mitgehe oder besser TV gucke und ne Schlaftablette nehme. Heute gucke ich TV, ist sicherer.
Das kann es ja auch nicht sein?! Die ganzen Leute wissen ja gar nicht, dass ich schneller in der Klapse lande, als mir lieb ist, wenn ich so "mitfeier" wie sie es tun.

Ach, Veilchenfee, noch was. Du musst nicht drauf antworten, aber mal ehrlich: der Sex? Ich hatte in meinem Leben fast nur Drogen-Sex. Traurig aber wahr. Nun muss ich sagen, vielleicht bilde ich es mir nur ein, aber ich finde er war besser. Ist auch das eine Frage der Zeit?

LG!
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veilchenfee
Foren-Guru
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Anmeldungsdatum: 18.12.2009
Beiträge: 4066

BeitragVerfasst am: 23. Okt 2011 00:33    Titel: Antworten mit Zitat

Hm, da ich erst mit 20 anfing zu koksen, habe ich ein paar entscheidende, normale Jahre noch mitgemacht, die Dir leider fehlen. Daher ist Dein "Fall" natürlich einiges krasser. Es wundert mich nicht, dass Du schnell in der Geschlossenen gelandet bist, mit 15 anfangen ist schon sehr früh. Panikattacken bekam ich erstmals vor 5 Jahren und das war der Auslöser für mich, auch noch mit meiner letzten Droge aufzuhören.

Du bist also jetzt so Anfang/Mitte 20. Das ist natürlich ein "blödes" Alter, weil die meisten Freunde/Bekannte da noch feiern gehen wollen und Du auch nicht alleine daheim hocken willst. Glaub mir, wenn Du mal über 30 bist, geht kaum noch jemand abends weg also erledigt sich dieses Problem irgendwann auch von alleine. Das nützt Dir im Moment aber nix, schon klar. Rolling Eyes Würden Deine Model-WG-Kolleginnen blöd reagieren, wenn Du offen mit Deiner Vergangenheit umgehst? Wie offen bist Du ihnen gegenüber?

Was, wenn Du Dir eine ganz andere Beschäftigung suchst? Magst Du z.B. Pferde? Reitställe sind ein idealer Zeitfresser und ne Menge (meist) netter Mädels laufen da auch rum. An körperlicher Arbeit fehlt es auch nicht und mir tut es immer unglaublich gut, wenn ich mich im Stall aufhalte. Ich bin schon total aufgewühlt, dem Herzinfarkt nahe, hingegangen und zwei Stunden später total relaxed wieder rausmarschiert. Oder Singen? Unter der Woche Chorproben und am Wochenende Auftritte, da wärst Du auch beschäftigt. Klingt furchtbar spießig, was? Vor 18 Jahren hätte ich mich noch verachtet und gehasst für solche Vorschläge!

Zitat:
Ach, Veilchenfee, noch was. Du musst nicht drauf antworten, aber mal ehrlich: der Sex? Ich hatte in meinem Leben fast nur Drogen-Sex. Traurig aber wahr. Nun muss ich sagen, vielleicht bilde ich es mir nur ein, aber ich finde er war besser. Ist auch das eine Frage der Zeit?

Oooch, wie soll ich das jetzt erklären ... mir ging das triebhafte Verhalten meiner Drogenfreunde immer ziemlich schnell auf den Wecker. Auf Koks wollte ich auch keinen Sex, ich wollte nur immer und immer mehr Koks! Und ab einer gewissen Dosis war es mit der Standfestigkeit auch nicht mehr so weit her. Immer wollen, aber net so richtig können ... ! Nunja ... es gab eine Episode, die war diesbezüglich net schlecht, aber der Typ dazu war ein A********h. Heute hab ich wenig Sex, aber dafür einen Lebensgefährten, mit dem ich mir vorstellen kann, alt zu werden. Da hab ich persönlich mehr von.

Cool
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BlancheNeige
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Anmeldungsdatum: 22.10.2011
Beiträge: 694

BeitragVerfasst am: 23. Okt 2011 01:29    Titel: Antworten mit Zitat

Pferde sind toll! Stimmt, als Kind bin ich mal eine Zeit lang geritten. Ohne Auto ist das leider blöd. Ich wohne in Berlin & die Ställe sind eher stadtauswärts. Aber ein Anhaltspunkt allemal Smile

Meine Mitbewohner bekommen einiges mit von meinem seltsamen Verhalten, aber so richtig aufgeklärt ist keiner. Bloß eine ansatzweise.
Dass du jemanden gefunden hast, mit dem du dir vorstellen kannst dein ganzes Leben zu verbringen, ist super. Ich glaube nicht, dass das so oft der Fall ist. Eher aus Gewohnheit o.ä.
Weiß er alles von deiner Vergangenheit? Hast du ihn danach kennengelernt?
So viele Fragen Smile

Kann sein, dass ich deine Antwort nicht mehr erlebe heute, bin ziemlich k.o.

Dennoch liebe Grüße! Und danke, für die ausführlichen Antworten!
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BlancheNeige
Gold-User
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Anmeldungsdatum: 22.10.2011
Beiträge: 694

BeitragVerfasst am: 23. Okt 2011 01:36    Titel: Antworten mit Zitat

" Glaub mir, wenn Du mal über 30 bist, geht kaum noch jemand abends weg also erledigt sich dieses Problem irgendwann auch von alleine. Das nützt Dir im Moment aber nix, schon klar. "

Achso, ich bin vor Kurzem 24 Jahre alt geworden. Dann warte ich die nächsten sechs Jahre brav ab, bis endlich jeder hier spießig geworden ist und nur noch Dinner-Abende veranstaltet Smile
Aber echt, da freu ich mich drauf!
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Sparrennagel
Anfänger


Anmeldungsdatum: 23.10.2011
Beiträge: 7

BeitragVerfasst am: 23. Okt 2011 01:55    Titel: Antworten mit Zitat

Ich bin der absolute Fremdkörper. Ich gewalltige Angst allen auf den Sack zu gehen, warscheinlich ist dass der Grund einer Isolation.
Prinzipiel spekulier ich, da ich nicht die Gabe hab mit meinem Unterbewusstsein zu sprechen.

lg.

Rechtschreibfehler und so.. hrhr...
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Yolande
Platin-User
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Anmeldungsdatum: 01.06.2011
Beiträge: 1438

BeitragVerfasst am: 23. Okt 2011 09:54    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo,

mir geht es ganz genauso wie du es beschrieben hast, besser hätte man es kaum beschreiben können...mit dem Unterschied, dass ich nie Drogen nahm, aber ich kenne viele nichtdrogenabhängige Menschen,die ähnlich fühlen wie du es tust. Und deshalb denke ich, dass es ziemlich normal ist, sich manchmal allein unter 100en zu fühlen, sich fremd zu fühlen. Aber es ist gut, dass du dich gegen diesen Zustand wehrst, das zeigt, dass du dich selbst zu schützen versuchst. Unter den Nichtsüchtigen gibt es sicher genauso viele sensible Menschen, die mit der Gesellschaft, ihrer Struktur, Schnelllebigkeit und Oberflächlichkeit nicht mehr zurecht kommen. Vielleicht schützen Drogen ja davor, dies wahrzunehmen, aber der Zustand ist ja trotzdem da. Ich finde es toll, dass du solange clean warst und dich der Realität stellst, auch wenn sie manchmal weh tut. Aber an den Schmerzen können wir wachsen.
Ansonsten hat Veilchenfee dir so sehr schön geantwortet, da gibt es nichts dazu zufügen.
LG und bleib stark.
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BlancheNeige
Gold-User
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Anmeldungsdatum: 22.10.2011
Beiträge: 694

BeitragVerfasst am: 23. Okt 2011 22:39    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Yolande! Danke für deinen Beitrag. Ich denke, du hast recht, es ist wohl vor allem eine Frage des Charakters u der inneren Einstellung zu seiner Umwelt. Dafuer spricht, dass ich schon als Kind sonderbar war, wo Drogen noch kein Thema waren. Du selbst hast u hattest nie ein Drogenproblem? Was war der Auslöser für dich dich hier anzumelden? Freund oder Familienmitglied insolch einer Situation? Ganz liebe gruesse!
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ulla79
Gold-User
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Anmeldungsdatum: 17.03.2009
Beiträge: 908

BeitragVerfasst am: 23. Okt 2011 23:27    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Blanche Neige,

ich kann es zwar auch nur als Außenstehende sagen, aber ich kann dich verstehen. Ist doch so ein Leben im Dunstkreis von Drogen ganz anders. Bekomm das ja auch am Rande mit. Da gibt es nicht nur andere Werte, Hierarchien, einfach alles ist anders. Und das scheinbar normale, alltäglich wird wenn nur überflogen oder gleich ganz außer Betracht gelassen. Aber ich denke mit der Zeit wird sich das auch bei dir legen! Gib dir einfach die Zeit! Und versuche soviel Neues wie möglich in diesem "normalen Leben" zu erfahren. Jeder war irgendwann mal auf der Suche, bis er schließlich sein Ziel gefunden hat. Das hat auch bei uns "Normalen" wahrscheinlich Jahre gedauert, vielleicht die Jahre, die du mit deiner Sucht verbracht hast. Du kannst ja das alles nicht einfach mal von heute auf morgen sozusagen nachholen! Es ist ja grds. so, dass der eine länger braucht, der andere kürzer!
Und vielleicht wenn du mehreren Menschen von deiner Sucht und Vergangenheit erzählst, vielleicht öffnet sich dann eine Türe und du siehst, dass es noch so viele gibt, die vielleicht genauso denken usw. Wenn ich eines gelernt habe, in den letzten Jahren, es gibt doch nicht nur die, die immer vorurteilen- so Hilfe ein Drogenabhängiger! Es gibt viel mehr Verständnis, als man denkt und tatsächlich sehen es auch viel mehr als Krankheit an.


LG Ulla
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