„Helden“ - Geschichten am Rande der Sucht

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Marie111
Anfänger


Anmeldungsdatum: 08.11.2016
Beiträge: 15

BeitragVerfasst am: 8. Nov 2016 17:25    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Mikel,

ich bin schon längere Zeit stille Mitleserin dieses Forum und auch deiner Geschichten.
Mein Mann ist ist inhaftiert und ich mache zur Zeit einen Alkoholentzug durch und bin daher ein wenig dünnhäutig.
Nach dem lesen deiner letzten Geschichte habe ich Rotz und Wasser geheult.
Ich danke dir !

Liebe Grüße

Marie
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Marle
Platin-User
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Anmeldungsdatum: 06.10.2016
Beiträge: 1396

BeitragVerfasst am: 11. Nov 2016 15:05    Titel: Antworten mit Zitat

Es gibt auch tragische „Helden“.

Hans ist so einer.
Ein Kerl von einem Baum, an die 2 Meter lang.
Gelernter Maler und Anstreicher, aber seit Jahren als Trucker unterwegs.
Kennengelernt habe ich ihn bei einer Entgiftung. Einer der härteren Art. Für uns beide.
Hans war der friedfertigste, jedem Ärger und Krawall aus dem Weg gehende Mensch, den ich kannte.

Am Ende Entgiftung hatte mich Hans um Rat gefragt. Seine Frau hatte ihn aus dem gemeinsamen Haus geworfen, und eigentlich hätte mir spätestens da klar sein müssen, dass Hans nicht unbedingt der friedliche Alkoholiker war, den er mir vorspielte.
Jedenfalls brauchte er jetzt schleunigst ein Dach über dem Kopf.
Er wohnte auf dem Land, und ein Bauer, dessen Sohn ein Arbeitskollege von Hans war, hatte ihm ein altes Haus angeboten. Er war sich unsicher, ob er zusagen sollte.
Nun, es war Winter. Die Alternative wäre Obdachlosenheim oder die Straße gewesen.
Also sagte ich ihm, ganz egal ob er sich in dem Haus wohlfühlen würde oder nicht, es wäre für eine vorübergehende Lösung sicher das Beste für ihn.

Zwei Tage nach der Entlassung rief er mich an, dass er eingezogen wäre und sich alles zum Guten gewendet hätte.
Dann hörte ich vier Wochen nichts mehr von Hans.
Ich machte mir Sorgen und ich versuchte auf allen möglichen Wegen zu erfahren, was mit ihm los war.
Schließlich gelang es mir seinen Chef, der selbst Alkoholiker war, telefonisch zu erreichen und über diesen dann wiederum den Sohn des Bauern.
Hans wäre abgestürzt, sagte man mir. Sie hätten zig Male versucht mit ihm zu reden, aber es wäre kein Herankommen an ihn.
So hatte ich nun die genaue Adresse von Hans und fuhr die 70 Kilometer hin zu ihm.

Gut, er hatte mir etwas von einem alten Haus erzählt. Aber nicht davon, dass es wirklich sehr altes, vom Verfall gezeichnetes Bauernhaus war. Von außen kaum vorstellbar, dass da noch jemand drin wohnte.
Hans öffnete mir nach einiger Zeit. Er war vom Alkohol schwer gezeichnet, schien jeden Lebensmut verloren zu haben und hatte sich, wie in unserem Gespräch ersichtlich wurde, völlig aufgegeben.
Es ging ihm richtig schlecht, zudem er, mangels vorhandenem Alkohol, auf Entzug war.
Ich fuhr erstmal genügend Alkohol einkaufen.

Dann redeten wir sehr lange miteinander und machten einen regelrechten Entzugsplan.
Und tatsächlich, Hans schaffte es wieder nüchtern zu werden, und seinen Job als Trucker wieder aufzunehmen.
Uns beiden war klar, dass das nicht lange gut gehen würde. Trotzdem war viel Hoffnung im Spiel.
Ich half ihm ein neues Zuhause zu finden und einzurichten. Wir veranlassten eine Umschuldung, klärten die Forderungen seiner Gläubiger zu einem tragbaren Konzept, und er war 2 Jahre auf einem verdammt guten, trockenen Weg.

Dann rief er mich mitten in der Nacht von unterwegs an. Da hatte er schon etliches geschluckt und saß noch auf dem Bock.
In der Nacht stellte er den 40 Tonner am Zielort ab und wollte in der zugehörigen Bude für die Trucker noch ein wenig saufen und schlafen.
Dann kam eine Polizeikontrolle, und da er nicht am Steuer erwischt worden war, willigte er in einen Alkoholtest ein. Das war wohl der Fehler.
Er verlor den Führerschein, den Job, und kam immer mehr in die Scheiße.

Sein Wesen verändert sich so rapide, dass ich manchmal nicht mehr den Mensch erkennen konnte, der er einmal gewesen war.
Er wurde schon brutal aggressiv, war in mehrere Schlägereien verwickelt, wurde mehrere Male in Handschellen verhaftet und hatte Gerichtsverfahren anhängig.
Trotz allem brachte ich ihn nochmals zum Entzug in die Klinik.
Nach fünf Tagen wurde er rausgeschmissen.
Auch jetzt rappelte er sich, nach Monaten, wieder auf schaffte es sogar die MPU zu bestehen, und fand einen Job mit Auswärtsmontagen.

Da fing er wieder richtig an zu saufen. Er fabrizierte besoffen einen schweren Verkehrsunfall, beging Fahrerflucht, war aber so besoffen, dass er noch in die Innenstadt fuhr, wo er aus dem Wagen fiel.
Die hinzugerufene Polizei verhaftet ihn und er wurde aufgrund aller Zu- und Umstände in U-Haft eingeliefert.
Aber auch da schaffte er es wieder raus, ging nach Hause, randalierte, wurde in die Klinik eingeliefert, entzog – und fand wieder einen Job mit Montage.

Der Kontakt zu ihm ist praktisch abgebrochen, weil er meint, es würde ihm nicht gut tun mit jemand zu reden, der keine Alkohol mehr trinke.
Ich warte eigentlich jeden Tag darauf, dass ich erfahre, nichts geht mehr. Aus. Rien ne va plus. Das Spiel ist vorbei.
Es wäre eines von vielen Kreuzen auf meinem Weg.
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ast
Platin-User
Platin-User


Anmeldungsdatum: 14.03.2012
Beiträge: 2096

BeitragVerfasst am: 11. Nov 2016 16:08    Titel: Antworten mit Zitat

Respekt, da hat er aber doch noch immer einiges auf die Reihe gekriegt, manch anderer wäre schon nach dem ersten mal nicht mehr aufgestanden...
oder lag das nur an Deiner 'Motivation' Cool
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Marle
Platin-User
Platin-User


Anmeldungsdatum: 06.10.2016
Beiträge: 1396

BeitragVerfasst am: 11. Nov 2016 16:09    Titel: Antworten mit Zitat

Bestimmt nicht.
Aber eigentlich müsstest Du als Süchtiger das wissen. Wink
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ast
Platin-User
Platin-User


Anmeldungsdatum: 14.03.2012
Beiträge: 2096

BeitragVerfasst am: 11. Nov 2016 16:15    Titel: Antworten mit Zitat

na na, die Sucht bleibt, auch wenn man soweit weg davon ist wie Du, Marle, aber das brauche ich Dir ja wohl nicht zu erzählen? Wink
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Marle
Platin-User
Platin-User


Anmeldungsdatum: 06.10.2016
Beiträge: 1396

BeitragVerfasst am: 11. Nov 2016 16:27    Titel: Antworten mit Zitat

ast hat Folgendes geschrieben:
na na, die Sucht bleibt, auch wenn man soweit weg davon ist wie Du, Marle, aber das brauche ich Dir ja wohl nicht zu erzählen? Wink


Offenbar liest Du nur, was Du lesen möchtest.
Sonst wüsstest Du, dass ich noch nie geschrieben habe, ich wäre "weit von der Sucht weg". Eher das Gegenteil. Laughing
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Lillian
Foren-Guru
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Anmeldungsdatum: 22.05.2013
Beiträge: 3894

BeitragVerfasst am: 11. Nov 2016 17:16    Titel: Antworten mit Zitat

Ich schreibe auch ein Buch. Und zwar über die Schattenseiten der Psyhciatrie. Habe schon so um die 80 Seiten geschrieben.

Mikel,

schreib bitte weiter. Vielleicht schreibe ich die Tage auch etwas rein.
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mikel015
Foren-Guru
Foren-Guru


Anmeldungsdatum: 27.03.2015
Beiträge: 3767

BeitragVerfasst am: 14. Nov 2016 13:31    Titel: Antworten mit Zitat

Gute Deals!


Anfang der achtziger Jahre fuhr ich ab und zu nach Amsterdam.Ich ging von einem C.o.f.f.e.e-S.h.o.p in den nächsten-auf der Suche nach einem Dealer, der mir vertrauenswürdig erschien.
An Dope gab es in Amsterdam alles: Pilze,Haschisch,Coca und H Ich hatte mir genug Geld zur Seite gelegt. Dafür wollte ich mir Haschisch kaufen.Ich besuchte die übelsten Läden,sprach mit allen.Nach etwa 1/2 Jahr hatte ich endlich eine gute Connection gefunden. Das ganze Geschäft war damals äußerst kompliziert,weil es noch keine Handys gab.Ich musste zu einer bestimmten Uhrzeit eine Telefonzelle anwählen,damit wir einen Treffpunkt verabreden konnten.
Zum ersten Deal nahm ich einen Kumpel mit,falls etwas schiefgehen sollte.Treffpunkt war ein C.o.f.f.e.e.s.h.o.p in der Amsterdamer City.Ich hatte mir eine clevere Strategie ausgedacht.Das erste Haschisch,das er mir zeigte,konnte ja bestimmt nicht sein bester Stoff sein.Wir testeten es, und tatsächlich ging mein Plan auf.Er holte uns neuen ,besseren Stoff.Ich probierte es wieder-und wollte noch besseren.Nach einer halben Stunde kam er wieder,brachte mir eine Platte.Die war sehr weich,dunkelgrün,optisch eine Augenweide.Das Zeug war in marokkanischem Zeitungspapier verpackt.Genau das wollte ich!
Am nächsten Tag sollte das Deal steigen. Mein Kumpel und ich gingen wie verabredet in den C.o.f.f.e.e.s.h.o.p.Der Holländer führte uns eine steile Treppe hinauf ins Obergeschoss.Er schloss die Eisentüre und wir standen auf dem Dachboden.In der Mitte stand ein langer Holztisch,darauf eine grosse Waage,daneben das HaschischIch öffnete jedes einzelne Paket und schaute rein..
Schließlich hätte ja auch ein Backstein oder gar Gips eingewickelt sein können.Der Holländer begann zu lachen.Als ich meine Kontrolle beendet hatte gab ich ihm das Geld.Er zählte nicht nach.Mein Kumpel und ich gingen zurück zum Hotel und ließen uns zur Feier des Tages zwei Mädels aufs Zimmer kommen.Am nächsten Tag fuhren wir zurüch nach Deutschland.
Ich konnte das Zeug gut verkaufen und schon zwei Wochen später fuhr ich wieder nach Amsterdam.Es war ein lukratives Geschäft,aber die ganze Schlepperei ging mir auf die Nerven.Die Platten waren schwer und schlecht zu verstecken.Ich fragte den Holländer,ob er auch gutes Coca und H... besorgen könne.Das versicherte er mir und ich bestellte.
Am Wochenende reiste ich wieder nach Amsterdam!
Was ich zu dem Zeitpunkt noch nicht wusste.Die Stadt war unter drei Drogen-Bossen aufgeteilt.Einer von ihnen war der Chef meines Holländischen Dealer, und der wollte mich kennenlernen. Mein Dealer und ich trafen uns also in einem Cafe im Bahnhof. Ich fragte ihn wo sein Boss sei, doch der war schon anwesend. Er wollte garnicht mit mir reden,sondern nur schauen wer ich bin. Nach einer Cola und wenigen Kippen stand der Holländer auf und ging zu einem älteren Mann an den Tisch.
Der Typ sah nicht aus wie ein Drogen-Boss ,sondern eher wie ein Rentner der seinen Lebensabend genoss. Die beiden redeten kurz miteinander,dann kam der Dealer zurück.
Es war alles O.K.,sein Boss hatte mich akzeptiert.
Wir starteten den nächsten Deal Das Coca und H... packte ich in die Verkleidung meines Autos. Heute wäre das kein Versteck mehr,denn die Bullen kennen das inzwischen.Damals jedoch funktionierte der Trick ohne Schwierigkeiten...


Fortsetzung folgt... Wink




so long
Mikel
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ast
Platin-User
Platin-User


Anmeldungsdatum: 14.03.2012
Beiträge: 2096

BeitragVerfasst am: 14. Nov 2016 14:21    Titel: Antworten mit Zitat

http://www.bing.com/videos/search?q=bowie+heroes+christiane+f&&view=detail&mid=3258D5A6521EE124BFDF3258D5A6521EE124BFDF&FORM=VRDGAR
Cool
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mikel015
Foren-Guru
Foren-Guru


Anmeldungsdatum: 27.03.2015
Beiträge: 3767

BeitragVerfasst am: 23. Nov 2016 12:10    Titel: Antworten mit Zitat

Mein Freund öffnete die Kommodenschublade seiner Frau und holte ein in Seidenpapier verpacktes Päckchen heraus. Es war nicht irgendein Päckchen, sondern ein Päckchen mit Unterwäsche darin. Er warf das Papier weg und betrachtete die Seide und die Spitze. "Dies kaufte ich, als wir zum ersten Mal in Paris waren. Das ist jetzt 8 oder 9 Jahre her. Sie trug es nie. Sie wollte es für eine besondere Gelegenheit aufbewahren. Und jetzt, glaube ich, ist der richtige Moment gekommen!"
Er näherte sich dem Bett und legte die Unterwäsche zu den anderen Sachen, die von dem Bestattungsinstitut mitgenommen wurden. Seine Frau war gestorben.
Als er sich zu mir umdrehte, sagte er: "Bewahre nichts für einen besonderen Anlass auf! Jeder Tag den du lebst, ist ein besonderer Anlass."

Ich denke immer noch an diese Worte ... sie haben mein Leben verändert.

Sätze, wie z. B. "Eines Tages ..." oder "An einem dieser Tage ..." sind dabei, aus meinem Vokabular verbannt zu werden. Wenn es sich lohnt, will ich die Dinge hier und jetzt sehen, hören und machen. Ich bin mir nicht ganz sicher, was die Frau meines Freundes gemacht hätte, wenn sie gewusst hatte, dass sie morgen nicht mehr sein wird (ein Morgen, das wir oft zu leicht nehmen). Ich glaube, dass sie noch ihre Familie und engen Freunde angerufen hätte.

Es sind diese kleinen unerledigten Dinge die mich sehr stören würden, wenn ich wüsste, dass meine Tage gezählt sind. Genervt wäre ich auch gewisse Freunde nicht mehr gesehen zu haben, mit denen ich mich "an einem dieser Tage" in Verbindung hätte setzen sollen. . Genervt, meinen Nächsten nicht oft genug gesagt zu haben, wie sehr ich sie liebe. Jetzt verpasse, verschiebe und bewahre ich nichts mehr, was uns Freude und Lächeln in unser Leben bringen könnte. Ich sage mir, dass jeder Tag etwas Besonderes ist ... jeder Tag, jede Stunde sowie jede Minute.
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Fjara
Gold-User
Gold-User


Anmeldungsdatum: 31.05.2016
Beiträge: 371

BeitragVerfasst am: 23. Nov 2016 22:41    Titel: Antworten mit Zitat

Schön geschrieben und absolut richtig. Ich habe dies sehr verinnerlicht. Deshalb bin ich für meine Freunde und Familie oft zu spontan. Z.b. Nach der Arbeit, Haushalt kochen alles erledigt und ich hab noch Zeit, plötzlich Lust auf schwimmen, schreib dann einen nach dem anderen an ob er genau jetzt Zeit und Lust hat schwimmen zu gehen. Naja meist geh ich dann alleine.
Aber ich versuche alles zu machen was möglich ist, wenn ich zu etwas Zeit und Lust hab.
Ich möchte nichts missen. Und ich liebe das Leben.

Liebe Grüße
Und eine schöne Restwoche
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