Tagebuch: Beverly_Marsh

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Beverly_Marsh
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Anmeldungsdatum: 12.08.2015
Beiträge: 530

BeitragVerfasst am: 9. Jun 2022 20:32    Titel: Antworten mit Zitat

So, ich mal wieder, aber viel Neues ist nicht passiert. Das Semester läuft und die Klausuren kommen nächsten Monat. Und ich bin schon wieder fleißig dabei, mich vorzubereiten. Gleichzeitig wird gearbeitet, viel im Gym, manchmal an der Tür und bei einer Demo war ich vor kurzem auch Ordnerin. Aber ich bin ja gerne gut beschäftigt, denn dann muss ich nicht viel nachdenken. Für mich ist das ein Horror, wenn ich zu viel Zeit habe. Entspannen kann ich mich sowieso nicht. Das habe ich nie gelernt und irgendwie will ich das auch nicht. Wer entspannt, ist nicht wachsam. Und wachsam will ich immer sein. Gegenüber meinem eigenen Suchtmonster und natürlich auch gegen so manches Monster, das da draußen rum läuft.
Aber es ist ja eher etwas entspannt, so lange es nicht Herbst wird und die Hysteriker dann wieder alles zu sperren, freundlich unterstützt von den Karlsruher Richtern, die ohnehin alles durch winken. Meinen Urlaub habe ich auch gebucht, vom 22.07. an für zehn Tage. Ich verdiene ja ganz gut Geld durch die viele Arbeit, spare das meiste und dann kann ich mir einmal im Jahr auch einen vernünftigen Urlaub gönnen. Zumal ich unter der Zeit ja nicht so viel ausgebe. Mit Geld kann ich gut umgehen. Als ich süchtig war, natürlich nicht, aber sonst ist es für mich kein Problem. Ich kaufe praktisch nie spontan etwas und überlege bei Ausgaben immer, ob ich das wirklich brauche. Und einmal im Jahr eine Auszeit und dem nervigen Hochsommer entfliehen, muss einfach sein. Vorher habe ich dann direkt noch meine Klausuren.
An manchen guten Tagen, die etwas entspannt sind, kann ich über gewisse Dinge an der Uni sogar grinsen. Manche Leute, die mit mir studieren, könnte man sich auch als Comic-Figuren vorstellen. Aber das soll jetzt ja gar kein böser Spott sein – ich selbst würde mit meinen Eigenheiten sicher auch eine gute Comic-Figur abgeben ^^. Aber in manchen Leuten kann man einfach lesen wie in einem Buch. Da weiß man dann schon, wann genau ein bestimmter Kommentar zu welchem Anlass kommt. Und einige Leute wollen mit mir auf die Klausuren lernen. Und auch, wenn ich da sicher extrem arrogant rüber komme, muss ich sowas ablehnen. Alleine mache ich das viel besser. In meinem Tempo, mit meinen Methoden, die sicher nicht unbedingt passend für andere sind. Solche Lerngruppen sind nichts für mich. Da wird vor allem viel gelabert und Zeit verschwendet, die ich weder habe noch dafür hergeben möchte. Zumal die Leute ja auch nur ankommen, weil meine Noten im ersten Semester überraschend gut waren. Das machen die lieber mal für sich und ich auch.

Jetzt aber noch direkt als Antwort zu euch beiden Wink . Der Punkt ist einfach, dass ich sehr früh Dinge erlebt habe, die man nicht erleben sollte. Das hat mir viele Nachteile gebracht, eine fette PTBS, die ich ebenso im Blick haben muss wie das Suchtmonster. Aber wie vieles, was Nachteile hat, hat es jetzt im sogenannten normalen Leben auch Vorteile. Ja, Noten sind nicht unwichtig und Klausuren sind es auch nicht. Aber sie sind weit davon entfernt, mich in Angst oder Hysterie zu versetzen. Einfach, weil ich zu viel anderes durch habe. Ich hatte schon mehrmals im Leben die Gewissheit, jetzt zu sterben. Manchmal war da Angst, manchmal eher Verlangen danach. Ich rede nicht von einem Suizidversuch, das hatte ich nie. Aber es gab kritische Situationen. Und ja, einerseits triggern die natürlich, stressen, andererseits machen sie aber auch ein bisschen unverwundbar gegen das, was eben andere stresst, die ein normales Leben ohne diese Erfahrungen hatten.
Naja, ich würde nicht mal sagen, behütet aufgewachsen, sondern einfach normal. Wenn man Eltern hat statt Erzeuger, dann wollen die eben im Normalfall nicht, dass die Tochter mit dreizehn nach Berlin abhaut. Dann macht man eben was dagegen. Behütet ist das gar nicht, eher normal. Aber ja, eine Trennung ziehe ich vor allem, weil ich eben durch meine Erfahrungen so dermaßen anders reagiere als die anderen. Nicht, weil ich besser, härter oder sonstwas bin. Optisch bin ich härter, ich wirke sicher so. Aber gerade durch die PTBS habe ich schwache Punkte, die mich extrem treffen können. Nur sind diese Punkte kein ganz großes Problem, so lange keiner sie kennt oder für sich nutzen kann. Da kann ich mich schon schützen. Ich renne ja auch seit einigen Jahren in Therapie und weiß, was ich meiner Thera verdanke. Die ist genauso speziell wie ich, das passt und ohne sie wäre manches nie etwas geworden. Für andere ist es sicher natürlich Druck, wenn die Familien auf die Noten schaut und was tolles erwartet. Ich bin nur mir selbst verpflichtet.
Ich bin auch eine, die nicht feiert. Also wegen Noten. Ich sehe die Noten, kann es nicht so ganz verarbeiten, denk mir, na, haste mal wieder Glück gehabt und dann mache ich weiter. Glücksgefühle sind keine dabei, aber mit denen habe ich auch in vielen anderen Situationen meine Probleme. Allerdings bin ich absolut nicht anpassungsfähig. Äußerlich zwar auch wieder, aber gerade wegen meiner PTBS brauche ich manche Rituale zum Leben. Auch deswegen haben mich die Corona-Maßnahmen an den Rand des Absturzes gebracht. Ich habe ein Korsett im Leben, das mir sehr hilft.
Und richtig, Studenten – ich verweigere gezielt dieses blöde „Studierende“, nur um angeblich über 100 Geschlechter zu bedienen – sind im Alltag erschreckend doof. Siehe die Comic-Figuren weiter oben ^^. Das ist ein Herdentrieb, da wird vieles komplizierter gemacht als es ist. Es ost sicher nicht falsch, von anderen zu lernen und mit ihnen, aber das ist schwer für mich. An der Uni rein fürs Studium bin ich alleine besser. Und sonst? Im Gym habe ich von anderen gelernt, bei der Selbstverteidigung auch. Das geht. Aber eine Wölfin, die am besten alleine agiert, bin ich eben auch. Was nicht heißt, dass ich keinen Kreis von Bekannten habe. Sicher nicht. Aber mein Innerstes trifft niemand. Und das ist gut. Ich war im Leben genug abhängig. Von Heroin, von meinem Zuhälter und seinen Launen. Jetzt will ich die Kontrolle haben.
Ich bin sicher, dass normale Eltern auch ihre stressigen Seiten haben. Aber wenn man schon mit sechs Jahren im Kopf hat, naja, entweder bringt die Alte mich um oder ich sie, wenn ich älter werde - bis heute leben wir meines Wissens aber noch beide – das ist schon etwas anderes. Da sieht man das Leben dauerhaft mit einer anderen Brille.
Ja genau, dieser bestimmte Geist an der Uni, dass die ja so fortschrittlich sind und so offen und so auf Zukunft aus. Und letztlich ist es dort auch nur wie bei Morthon Rhues legendärer „Welle“. Aber gerade, weil ich nicht dazu gehören muss, kann ich mir da eine eigene Meinung leisten. Die ich gar nicht äußere, aber man sieht es mir sehr deutlich an, wenn ich mich über etwas lustig mache. Aber liberal im Sinne von eigenem Denken, das man entwickeln soll, nein, so habe ich die Uni bisher nicht wahr genommen. Und ich glaube, das trifft auch nicht mehr zu.

So, heute mal viel geschrieben, bald geht es weiter. Aber gab auch heute mal viel zum antworten Wink .
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Beverly_Marsh
Gold-User
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Anmeldungsdatum: 12.08.2015
Beiträge: 530

BeitragVerfasst am: 17. Jun 2022 20:58    Titel: Antworten mit Zitat

Die nächsten Wochen werden extrem stressig. Hitze, Arbeit und Lernen. Da kann es dauern, bis ich länger antworte.

Aber eines muss heute gesagt werden: Heute ist es auf den Tag genau sieben Jahre her, dass ich das letzte Mal Heroin genommen habe.

Am 17.6.2015 wurde ich verhaftet. Damals war es eine Katastrophe, im Rückblick war es die Rettung meines Lebens. Ich hätte sicher kein halbes Jahr mehr durch gehalten. Was in den sieben Jahren passiert bist, könnte man selbst mit "unvorstellbar" kaum treffend beschreiben.

Sieben Jahre. 2557 Tage. Cool

Ich feier mich aber erst morgen, wenn ich am Sonntag nicht arbeiten muss.
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dakini
Foren-Guru
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Anmeldungsdatum: 07.04.2015
Beiträge: 3283

BeitragVerfasst am: 22. Jun 2022 10:23    Titel: Antworten mit Zitat

Hi Bev,

auch wenn nahezu eine Woche vergangen, gratuliere ich Dir nachträglich zu Deinem Clean birthday!

Ich möchte nur kurz umreißen, was bei mir ankommt, ich lese Dich ja von Beginn an. Zunächst fiel mir auf, dass sich Dein Schreibstil veränderte. Ebenso stellte ich das bei mir fest, ab einem gewissen Zeitpunkt lasen sich meine alten Tagebücher ähnlich, wie bei Dir zuvor, was Wortwahl, Schreibstil,etc betrifft -kurzum: Iwann ging die Kreativität flöten. Man könnte sagen, mit dem "erwachsener werden", doch ich denke anders, nämlich: als der "hiesige Alltag" uns einholte. Aktionismus. Anspannung. ...

Dein Werdegang wurde unterstützt von Programmen für junge Menschen, jene einschulbar noch sind. Solches war mir gar nicht geläufig - tolle Sache, wie sich zeigt.

Beschäftigung ist alles. 10 Tage Urlaub kann man sich ja gönnen. Könnte jeder (2.) Deutsche von sich geben, schmunzel**

Mir läuft die Zeit davon - lächel** Schreibe gern noch was dazu. Hab nen schönen Urlaub!
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Beverly_Marsh
Gold-User
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Anmeldungsdatum: 12.08.2015
Beiträge: 530

BeitragVerfasst am: 30. Jun 2022 20:57    Titel: Antworten mit Zitat

Danke, dakini Cool

Und korrekt, das mit dem Urlaub ist ein Standardspruch. Der Unterschied ist aber, für die Hälfte der Deutschen ist Urlaub Standard. Für mich nicht ^^. Für mich ist es was Besonderes, das machen zu können. Und ich fliege zum allerersten Mal in meinem Leben. Ich verdiene sehr gut. Also zumindest für eine Studentin Cool .
Ich arbeite viel im Gym und an der Tür verdiene ich richtig gut. Und zum ersten Mal im Leben kann ich das Geld eben auch für was sparen, gebe es nicht für Stoff aus. Das ist an sich jetzt schon in dem Bereich ein Spießer-Leben Very Happy .
Ich denke aber, auch und gerade um clean zu bleiben, muss man auch ein bisschen zum Spießer werden.

Ich drücke mich heute besser aus, natürlich erwachsener. Und klar, das Spontane, das Angekotzte ist weg. Die Wut ist teilweise schon noch da, aber sie scheißt heute nicht mehr so unkontrolliert aus mir raus wie früher.

Klar, mit 16 war ich spontaner, vielleicht auch echter. Aber eben nicht nur. Ich war stark nach außen. Bin ich heute noch mehr. Aber ich war auch total kaputt, ein Mädchen mit einer fetten PTBS. Auch die habe ich noch, aber heute kann ich sie besser kontrollieren, damals hat sie mich kontrolliert.
Ich werde nie normal sein, nie so ticken wie die mit normaler Kindheit. Das geht auch gar nicht. Wenn man am 12. Geburtstag freiwillig mit dem Sex anfämngt, später dazu gezwungen wird, wenn man mit 15 so viele Drogen nimmt, die 30jährige umbringen würden. Das macht etwas. da geht was kaputt, die 16jährige würde sagen, da ist was am Arsch gegangen Wink . Und beide haben Recht.
Dinge, die für andere total wichtig sind im Leben, bedeuten mir nichts. Positive Gefühle, die andere total ausleben können, habe ich wenige. Ich kann mich freuen. Logisch freuen. Aber es kommt schwer bei den Gefühlen an.
Dinge vor denen andere Angst haben, sind lächerlich für mich. Versagensängste kenne ich nicht. Angst vor Autoritäten habe ich nicht.
"Du kannst doch den Prof nicht einfach so ansprechen!
Am Arsch, natürlich kann ich. Der muss nach dem Kacken genauso Papier benutzen wie wir.
Angst vor Gewalt habe ich auch nicht. Ich bin ja mittlerweile selbst eine Kampfmaschine, habe so viel erlebt, welche Gewalt sollte mich schocken?

Tja, und dann gibt es Dinge, die andere nicht mal bemerken, die mich aber total aus der Bahn werfen können. Dann grüßt die PTBS, dann bin ich mehr als froh um meine Therapeutin, die ich auch nachts um drei anrufen kann, wenn ich das Gefühl habe, innerlich zu explodieren.
Ich bin nicht immer stark. Manchmal sogar äußerst schwach. Aber das macht nichts. Weil kaum jemand in meinem Umfeld diese schwacne Stellen kennt. Weil sie mir im Alltag bei Arbeit und Uni kaum begegnen können.

So...,wie gesagt, bin im Lernstress und die Dauer-Hitze macht es nicht leichter. Danke, in urlaub fliege ich aber erst am 22.07 Cool . Bis dahin schreibe ich sicher noch ein bis zwei Mal hier!
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joe
Platin-User
Platin-User


Anmeldungsdatum: 28.12.2007
Beiträge: 1124

BeitragVerfasst am: 30. Jun 2022 21:38    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Bev,
herzlichen Glückwunsch und alles Gute. Die Reise geht weiter.
Es zählt nicht woher wir kommen, sondern wohin wir gehen.
Joe, heute nehm ich nix
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