Alkoholentzug - Erfahrungen - Behandlung - Medikamente

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Marle
Platin-User
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Anmeldungsdatum: 06.10.2016
Beiträge: 2601

BeitragVerfasst am: 20. Apr 2021 12:05    Titel: Alkoholentzug - Erfahrungen - Behandlung - Medikamente Antworten mit Zitat

Dakini hat Folgendes geschrieben:
Hab neulich noch gelesen, dass Distras Option sind. Fragezeichen ...Das hohe Suchtpotencial ist ja nichts neues. (Das wusste man schon damals).
Ich dachte, ich bekomme in nem Suchtforum mal ne Antwort, wie sich der Entzug gestaltet. Vllt hätte ich fragen sollen, wer der nächste Bundeskanzler wird.

Distraneurin – bei Alkoholentzug – ist nicht „nur“ eine Option, sondern immer noch das erste Mittel der Wahl.
Ist aber (z. B., als Mabuse seine Angst vor einer geschlossenen Station äußerte) schon vielfach erklärt worden.

Logischerweise kommt es bei der Medikation auch immer auf die Vorgeschichte des Patienten an.
Medikamente, mit denen ein Alkoholentzug erleichtert, und die Entzugssymptome (vor allem die gefährlichen, wie Delir, Krampfanfall) weitgehendst vermieden, oder zumindest abgeschwächte werden können, gibt es reichlich zur Auswahl (die ganze Gruppe der Benzodiazepine), aber auch bei sehr milden Entzügen homöopathische Mittel.

Bei Distraneurin spricht man von einem „Kunstfehler“ – mit Vorsatz –wenn es ambulant ohne Kontrollmöglichkeit verordnet wird.
Distraneurin auf Alkohol kommt „klasse“. Selbst ausprobiert (80er Jahre). Lebensgefährlich.
Suchtpotential haben bekannterweise alle, egal ob Distra oder Benzos.

Bei Distra wird das „sogenannte“ Schema „F“ angewandt.
Medikation – wenn man auf ganz sicher gehen will – nicht über 1‰.
Dann 2 Tage alle 6 Std. 2 Stck. (Morgens/Mittags/Abends)
… es folgt …
2 – 1 - 2
1 – 1 – 2
1 – 0 – 1
1 – 0 – 0
Kann je nach Entzugsschwere variieren.

Mehrheitlich „gieren“ die Entzugskandidaten anfangs, also vor dem Einsetzen der „richtigen“ Entzugssymptome nach solchen Mitteln. Logisch: Jeder will den Entzug so leichtfüßig wie möglich hinter sich bringen.
Kaum können sie einigermaßen wieder auf den eigenen Beinen stehen, kommt dann das allgemeine Aufbegehren gegen das „Ausgangsverbot“. (Auch dazu schrieb ich schon die gesetzlich vorgeschriebenen Vorgehensweisen und Haftung der Klinik.)
Distra zu schnell abdosiert/abgesetzt kann zu einem „Flashback“ führen. Selten, aber möglich. (Selbst erlebt.) Kommt dann ein plötzlicher Krampfanfall dazu, geht die Geschichte von vorne los.

Normale Dauer eines komplikationsfreien qualifizierten stationären Entzuges von Alkohol:
5 – 7 Tage.
In der Regel aber, einschließlich Erholungsphase und Stabilisierung meist 12 – 14-tägiger Klinikaufenthalt mindestens.

In guten Suchtfachkliniken wird direkt im Anschluss eine Motivations- oder auch Orientierungsstation angeboten. Dort findet abgespeckt ein „Vorgeschmack“ auf eine stationäre Langzeittherapie statt.
Seit ein paar Jahren habe sich die KVs und Suchtkliniken auf das sogenannte „nahtlose Übergangsverfahren“ geeinigt.
Heißt: Wenn die Voraussetzungen (vor allem der Wille des Patienten, positive Einschätzung des Therapeuten/Arztes, formale Voraussetzungen) gegeben sind, kann ein Patient direkt nach
1. Entgiftung 2. Motivations-/Orientierungsstation - nahtlos in eine LZT überführt werden.

Zitat:
Wie lange dauert das alles nach Deiner Erfahrung, Marle, wenn man es durch zieht? Vom ersten Tag NULL bis man sich wieder besser fühlt? Was kommt da auf einen zu?


Siehe oben: Man kann das nicht generell verallgemeinern.
Aber – auch wegen der bekannten „Drehtürpatienten“, die also schon einige Entzüge hinter sich haben, und deren Toleranzschwelle teils extrem im Laufe der Zeit gestiegen ist, usw….
- würde ich im Schnitt immer mit min. 7 Tage, bei einem „vernünftigen Patienten“ (der Erfahrung hat und weiß, dass in 7 Tagen nicht die Spuren von … xx Zeit Saufzeit zu eliminieren sind) eher min. 14, und am besten die bereits genannten 30 Tage (die von der KK maximal übernommen werden.)

Was kommt auf einen zu?
Ich nehme an, dass Du die Entzugssymptome meinst?
Da wird es (meist) „ekelig“. Das war/ist es aber bereits zuvor Zuhause Wink
Morgendliches „Trockenkotzen“, bis dann endlich die in den Magen laufende Gallenflüssigkeit (weil sie von der kranken überforderten Leber nicht mehr abgebaut werden kann) herausgekotzt werden kann. Das geht natürlich beim Entzug erst einmal noch ein paar Tage weiter.
Bei unter xx‰ des gewohnten Pegels unkontrollierbare Zitteranfälle, sodass in der Klinik die verabreichten Medikamente von der Hand in den Mund schon mal quer durch die Station kullern, weil man den Mund nicht trifft.
Oft versucht das Gift (der Alkohol) auf allen Wegen den Körper zu verlassen. (Ich erspare hier Details)
Manchen Patienten müssen deswegen Windeln angelegt werden.
Schwitzen ohne Ende.
Der Blutdruck geht nach oben und erreicht kritische Werte.
Die ersten paar Tage muss man sich zur festen Nahrungsaufnahme zwingen.

Daneben, die Extremfälle – die niemand im Voraus sicher einschätzen kann: Delir, Krampfanfall (also nicht „bloß“ diverse Muskelkrämpfe aufgrund des desolaten Elektrolyt-Haushalts).
Relativ viele Alkoholiker entwickeln auch ein hohes Aggressionspotential beim Einrücken und wenn der Entzug einsetzt. (Besonders natürlich diejenigen, die behördlich eingewiesen werden.)
Zum Selbstschutz und Schutz des Pflegepersonals und der anderen Patienten kann es also auch zu Fixierungen kommen.

In der bekannten langen Zeit als Betroffener, sowohl von Amphetamin (Speed, Koks), von Schmerzmitteln (Tilidin), Diazepam und Alkohol habe ich noch nie erlebt, dass „Drogisten privilegiert“ waren. Vielleicht in der Einbildung?
In allen mir bekannten Suchtkliniken und Psychiatrien wurden Drogisten separat „weggesperrt“. Die Überwachung und Reglements waren um ein Vielfaches heftiger, wie bei Alkoholsüchtigen.
Auch in den Therapiekliniken.

Grundsätzlich, so meine Erfahrung, muss man zwischen einer rein auf Sucht spezialisierten Entzugsklinik und primär psychiatrischen Einrichtungen, die auch Suchtkranke aufnehmen, unterscheiden.
Der Behandlungszuschnitt ist in einem psychiatrischen Landeskrankenhaus nicht unbedingt so maßgeschneidert, wie in einer Suchtklinik.

Noch was zur Medikation: Ein Schelm, wer mal nachfragt, welcher Arzt/KH welches Medikament der Wahl bevorzugt anwendet, und von welcher Pharma er/das KH mehrheitlich und bevorzugt beraten und bedient wird. Wink
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Praxx
Foren-Guru
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Anmeldungsdatum: 25.07.2014
Beiträge: 3137

BeitragVerfasst am: 26. Apr 2021 22:59    Titel: Antworten mit Zitat

Distra wird außerhalb von Deutschland nirgends verwendet und darf auch nur unter stationären Bedingungen angewendet werden.
Ambulanter Entzug erfolg hierzulande als "score-gesteuerte Entgiftung".
Man orientiert sich dabei am Punktwert des "CIWA"-Fragebogens.
Entzogen wird mit Diazepam 5mg Tabletten: CIWA-Score <5 = keine Medikation, 5-10: 5mg Diazepam, 10-15: 10mg Diazepam.
Als Krampfprophylaxe kann Carbamazepin genommen werden, bei Blutdruckkrisen evt Clonidin.
In Saarlouis gibt es ein Projekt, bei dem ca 90% aller Entgiftungen ambulant durchgeführt werden und das deutlich erfolgreicher arbeitet als die Standardbehandlung.

LG

Praxx
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Marle
Platin-User
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Anmeldungsdatum: 06.10.2016
Beiträge: 2601

BeitragVerfasst am: 27. Apr 2021 00:16    Titel: Antworten mit Zitat

Praxx hat Folgendes geschrieben:
In Saarlouis gibt es ein Projekt, bei dem ca 90% aller Entgiftungen ambulant durchgeführt werden und das deutlich erfolgreicher arbeitet als die Standardbehandlung.

LG

Praxx

Sorry, aber solche Aussagen sind mehr als ... na ja ... Cool
Der Erfolg oder Misserfolg, genauso wie die Auswahl (stationär oder ambulant) hängt zum größten Teil von den Patienten ab.
Im vorliegenden Fall hier im Forum, wäre eine ambulante Entgiftung schlicht nicht möglich gewesen.
Die IANUA geht auch nur von einer 54% Abstinenzquote nach einem Jahr aus.

Die genannten "90%" an ambulanten Entgiftungen sind schon insofern irreführend, als dass es sich bei nahezu allen dieser Patienten um Berufstätige handelt, die aber gleichzeitig noch ein intaktes soziales Umfeld Zuhause haben.
Ganz sicher nicht der Querschnitt bei Alkoholsucht. Wink

Grüßle
Marle
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